Sonntag, 17. August 2014

Anna von Bayern "Wolfgang Bosbach. Jetzt erst recht!"


Wolfgang Bosbach ist ein Medienprofi und das merkt man auch dem Buch von Anna von Bayern an. Man erfährt nichts Neues oder Überraschendes, es ist eher eine Zusammenfassung von Geschichten und Aussagen, die man bereits aus verschiedenen Interviews kennt. Bosbach lernt zunächst im Einzelhandel und wird Supermarktleiter, bevor er das Abitur nachholt, Jura studiert und für den damaligen Bundestagsabgeordneten Krey arbeitet. Die Debatte um die Strafbarkeit von Abtreibungen im §218 aktiviert ihn letztlich politisch und er beginnt sich politisch zu engagieren. Der Weg führt über regionale Politik und die Mitgliedschaft im Karnevalsverein in die direkte Nachfolge seines bisherigen Chefs als Bundestagsabgeordneter. Dort engagiert er sich als Innenpolitiker und ist auch als Minister im Gespräch. Als er der Kanzlerin bei der Abstimmung über den Euro-Rettungsschirm die Gefolgschaft aufkündigt, muss er sich vom damaligen Kanzleramtsminister Pofalla beschimpfen lassen und erhöht seine Medienpräsenz noch einmal. Auch über seine Krebskrankheit spricht er öffentlich und macht kein Geheimnis aus seinen gesundheitlichen Problemen. 
Wie in Talkshows und Interviews auch kommt Bosbach in dem Buch äußerst sympathisch beim Leser an, ein Politiker aus Überzeugung, der nicht immer mit der Fraktion stimmt, sondern sich selbst informiert und eine Meinung bildet. Das Buch ist passend dazu sehr unterhaltsam und kurzweilig geschrieben und fasst Bosbachs Leben und Karriere sehr positiv zusammen. Der ein oder andere kritische Unterton hätte dem Buch jedoch gut getan, so wirkt die Autorin stellenweise schon etwas sehr begeistert von der Person, der sie sich doch eigentlich sachlich nähern sollte, um dem Leser ein ehrliches Bild zu vermitteln. 
Statt einer ernsthaften Auseinandersetzung mit der Person Wolfgang Bosbach reicht es leider nur für die Darstellung des Medienprofis, der auch hier ganz genau weiß, was er vermitteln möchte und was in eben dieses Bild nicht hineinpasst. Wer nicht mehr erwartet, wird sich beim Lesen auf jeden Fall gut unterhalten fühlen. 

Freitag, 15. August 2014

Yasmina Reza "Glücklich die Glücklichen"


In ihrem neusten Werk geht Yasmina Reza der Frage nach, wo in unserem Alltag überhaupt noch Glück zu finden ist. Gibt es überhaupt ein Glück in unserem Alltagstrott, mit all seinen Ritualen und Problemen? In vielen kleinen Episoden erzählt sie von Menschen, die glücklich sind oder unglücklich, die Probleme haben und sie bewältigen oder an ihnen scheitern. Gleich in der ersten Geschichte streitet sich ein Paar im Supermarkt derart laut und übertrieben, dass man sich beim Lesen für sie schämen möchte. Doch gleichzeitig fühlt man sich ertappt, gibt es solche Szenen - wenn auch nicht in dieser überbordenden Dramatik- doch auch im echten Leben.
 Die Autorin zeigt, wie fragil und schwer zu fassen das Glück des Einzelnen ist. Es lässt sich nicht in eine Definition pressen, sondern ergibt sich von Situation zu Situation und kann genauso schnell wie es kommt wieder verschwinden. An den Geschichten zeigt sich, wie schnell der Alltag die Momente des Glücks unsichtbar macht, weil alles zu Kampf und Routine wird. Yasmina Reza beschreibt Personen, die einen berühren und Geschichten, die einen als Leser nicht unbeteiligt lassen. Man beobachtet die Charaktere in ihrem Leben und wird aber auch zu Selbstbeobachtung gezwungen. Es sind alltägliche Momente, die uns als Leser ebenso treffen könnten. Wie würden wir versuchen, glücklich zu bleiben? Und kämpfen wir überhaupt noch für unser Glück? Die Figuren bei Yasmina Reza tuen das nur selten, sie sind ein gutes Beispiel dafür, wie der Alltag und der Lauf des Lebens einen vergessen lassen, sich für sein persönliches Glück einzusetzen.
Yasmina Rezas „Glücklich die Glücklichen“ ist wie ein kleines Fenster in die Welt der Figuren und ihre Probleme, eine großartig gelungene Beobachtung der Menschen, ihren Reaktionen und ihrer Vorstellung vom (verlorenen) Glück. 

Montag, 4. August 2014

Roger Willemsen "Das Hohe Haus. Ein Jahr im Parlament"


Ein Jahr lang saß Roger Willemsen auf der Besuchertribüne im Bundestag und hat sich die Debatten angehört. Das klingt mehr als es wirklich war, denn nur ungefähr jede zweite Woche ist eine Sitzungswoche und nur dann finden überhaupt Sitzungen in Berlin statt. Zudem war 2013 Bundestagswahl, so dass es nach dem Beginn der Sommerpause Anfang Juli eigentlich keine Sitzungen mehr gab, mit wenigen Ausnahmen wie Sondersitzungen und der ersten Sitzung des neu gewählten Bundestags. Bis die Regierung ihre Arbeit aufnahm, dauerte es jedoch bis Weihnachten, so dass erst wieder 2014 regelmäßige Sitzungswochen stattfanden.
Was er dennoch beobachten konnte, war das, was wohl die meisten stört: ein fast leeres Plenum. Doch da die meisten Abgeordneten in Arbeitsgruppen, Ausschüssen und auch in ihren Büros arbeiten, spricht das keineswegs für die Faulheit der Abgeordneten, sondern eher für das Gegenteil. Als etwas störend empfand ich es, dass der Autor schon mit einer negativen Grundeinstellung in das Projekt ging, und sich diese dann nur bestätigen lassen wollte. Er erwartete inhaltlich und rhetorisch mangelhafte Reden, die er seiner Meinung nach auch bekam. Alles schien schon vorher beschlossen, so dass die Reden nur dem Austausch bereits bekannter Argumente dienen, was logischerweise auf die Ausschussarbeit zurückzuführen ist. Nachvollziehbar ist die Abneigung gegen respektloses Verhalten, wie demonstratives Verlassen des Raums, wenn eine bestimmte Person spricht, die ständige Beschäftigung mit Handys und Tablets, selbst wenn der Redner einen direkt anspricht und das Unterhalten auch auf der Regierungsbank wie in den hinteren Reihen einer Schulklasse. All das kann einen wirklich an der Ernsthaftigkeit der gewählten Volksvertreter zweifeln lassen. 
Wäre dies das Resultat eines ergebnisoffen angegangenen Projekts gewesen, hätte man damit als Leser wahrscheinlich gut leben können, doch zwischen den Zeilen schwingt einfach zu oft das grundsätzliche Suchen nach dem Negativen mit, nach der Bestätigung aller Vorurteile, so dass die Lektüre leider nur halb soviel Spaß macht wie sie könnte. 

Donnerstag, 31. Juli 2014

Jean-Luc Bannalec "Bretonische Brandung"


Kommissar Dupin muss in seinem zweiten Fall unter schwierigen Bedingungen ermitteln. Auf den Glénans, einer Inselgruppe vor der bretonischen Küsten, werden drei Leichen an einem Strand gefunden. Was zunächst nach einem Schiffsunglück aussieht, entpuppt sich schnell als heimtückischer Mord. Und irgendwie scheint jeder Inselbewohner ein Motiv zu haben, denn zwei der drei Opfer waren höchst unbeliebt. Erschwert werden die Ermittlungen dadurch, dass die Inseln nur per Boot zu erreichen sind, was dem wasserscheuen Dupin zutiefst widerstrebt.
Der ermittelnde Kommissar Dupin ist zwar ein Eigenbrötler und zeigt sich in der Zusammenarbeit mit seinen Kollegen oft nicht kooperativ, er ist jedoch trotzdem sympathisch und liebenswert. Er ist sozial nicht unfähig, er hat nur die Erfahrung gemacht, dass die meisten es nicht verstehen, wenn er seinen Instinkten folgt, die nicht immer logisch begründbar sind. Also macht er erst einmal alles mit sich selber aus und lässt seine Kollegen erst teilhaben, wenn er einen Plan hat. Dies führt häufig zu kuriosen Situationen, wenn er schon wieder vergessen hat, welchen Auftrag er erteilt hatte, weil er so in seine Überlegungen vertieft ist. Der Charakter Dupin ist entscheidend für die Geschichte und trägt die gesamte Story. Diese ist spannend, logisch und gleichzeitig unterhaltsam. Das beschriebene Lokalkolorit trägt noch dazu bei, dass man schnell ein konkretes Bild vor Augen hat und gerne weiterliest. 
Mit „Bretonische Brandung“ ist Jean-Luc Bannalec ein weiterer unterhaltsamer und zugleich spannender Krimi um den Pariser Polizisten im Exil Dupin gelungen. 

Dienstag, 29. Juli 2014

Rachel Joyce "Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte"


Zwei Sekunden braucht es, um das Leben von Byron und seiner Familie komplett aus den Fugen zu heben. Zwei Sekunden, in denen nur Byron sieht, wie ein kleines Mädchen vor das Auto seiner Mutter läuft und verletzt wird. Seine Mutter scheint nichts bemerkt zu haben und fährt im dichten Nebel einfach weiter. Als er ihr einige Zeit später erzählt, was passiert ist, bringt er ihr ganzes Leben durcheinander.
Byrons Familie ist eine klassische, englische Vorzeigefamilie. Die Kinder gehen auf eine Privatschule, seine Mutter ist zu Hause, kümmert sich um Haus und Garten und kocht. Der Vater ist nur am Wochenende da und erwartet den perfekten Schein, den er mit dem Haus und seiner Familie quasi gekauft zu haben scheint. Doch die Fassade bröckelt immer mehr und Byrons Mutter scheint an der Perfektion zu zerbrechen. Immer stärker wird sie in den Erzählungen ihres Sohnes zu einem fragilen, unsicheren Schatten der Frau, die sie sein will und die die Umwelt von ihr erwartet. Dass all dies aus der Sicht des Jungen Byron erzählt wird, macht die Geschichte so besonders, denn sein Blick auf die Handlung ist sehr ungewöhnlich. 
Parallel erzählt die Autorin die Geschichte von einem älteren Mann, der in einem Supermarkt arbeitet und schon viel Zeit seines Lebens in psychatrischen Einrichtungen verbracht hat. Erst spät verbindet sich die Geschichte mit der von Byrons Familie, dennoch nimmt einen auch diese Handlung emotional sehr mit. 
Rachel Joyce macht diesen Roman zu etwas Außergewöhnlichem, indem sie die Geschichte aus dem Blickwinkel eines Jungen erzählt, ohne Informationen hinzuzufügen, die Byron nicht hat oder die er als unwichtig erachtet. So muss man beim Lesen teilweise schon detektivisch darauf achten, was der Erzähler mit bestimmten Ausdrücken und Situationsbeschreibungen meint und sich immer klar machen, dass man durch die Brille eines Kindes schaut und nicht den Schilderungen eines über den Dingen stehenden Erzählers Glauben schenken kann. Durch diese Tatsache berührt die Geschichte einen jedoch auch besonders, denn Byron wächst einem in seiner etwas seltsamen Verschrobenheit schnell ans Herz und man möchte ihm manchmal helfen und erklären, was sich in seiner Familie vor seinen Augen wohl gerade abspielt. 
Wer beim Lesen einen zweiten Harold Fry erwartet hat, wird überrascht sein von der Tiefe und Ernsthaftigkeit der Geschichte. Doch wenn man sich darauf einlässt, weiß Rachel Joyce auch dieses mal zu begeistern. 

Montag, 28. Juli 2014

Neue Rezensionen in den nächsten Tagen

Die nächsten Rezensionen kommen in den nächsten Tagen. Inzwischen gelesen habe ich "Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte" von Rachel Joyce, "Bretonische Brandung" von Jean-Luc Bannalec und "Das hohe Haus" von Roger Willemsen. 

Montag, 30. Juni 2014

Jean-Luc Bannalec "Bretonische Verhältnisse. Ein Fall für Kommissar Dupin"


Kommissar Dupin als eingefleischten Bretonen zu bezeichnen wäre ganz sicher übertrieben, doch er hat sich an die Bretagne gewöhnt. Bereits vor fast drei Jahren wurde von Paris zwangsversetzt, weil sein Umgangston mit Vorgesetzten mehr als ein wenig zu wünschen übrig lässt. Jetzt muss in dem Mord an einem 90-jährigen Hotelbesitzer in einem nahegelegenen Künstlerort ermitteln, in dem schon Gauguin seine berühmten Werke malte. 
Die ganze Geschichte und die Ermittlungen von „Monsieur le Commissaire“ haben mich sehr an Romane von Agatha Christie erinnert. Seine Art, an Fälle heranzugehen ist davon geprägt, dass er sich auf seine Sinneseindrücke und eine Art Intuition verlässt, wobei ihn seine Kollegen nur stören. Verständlicherweise treibt er sie in den Wahnsinn, wenn er sie ständig von A nach B beordert, ohne ihnen zu sagen warum, oder Leute zu Befragungen einbestellen lässt, die für seine Kollegen überhaupt keinen Bezug zu dem Fall haben. Wenn er nicht weiter weiß, läuft der einsame Wolf Dupin durch die Gegend und wartet auf die Eingebung, die manchmal kommt und manchmal auch nicht. Nur ungern lässt er sich durch herkömmliche Ermittlungsmethoden einengen. All dies macht den besonderen Charme dieses Protagonisten aus, der zwar seine Fälle lieber alleine löst, die Gesellschaft von Menschen (bei einem guten Essen) aber durchaus zu schätzen weiß. Beim Lesen vermittelt sich das Gefühl, es mit einem guten alten Krimi zu tun zu haben, in dem Fälle nicht von Forensikern und Pathologen mit Hightech-Gerät aufgeklärt werden, sondern von einem Menschen, der durch bloßes Nachdenken und Kombinieren seine Fälle löst. Damit hebt sich diese Geschichte positiv von vielen anderen Krimis ab und bietet dem Leser spannende Unterhaltung und fordert auch seine eigene Kombinationsgabe ein bisschen, wenn er mit dem Kommissar mithalten will.
Der Krimi „Bretonische Verhältnisse“ und Kommissar Dupin haben mich sehr positiv überrascht und überzeugen durch angenehme Charaktere mit besonderem Charme und eine originelle Geschichte. 

Sonntag, 29. Juni 2014

Ursula Poznanski "Blinde Vögel"


Nach dem Geocaching-Fall haben es Beatrice Kaspary und Florin Wenninger erneut mit einem anspruchsvollen Mordfall zu tun. Ein junger Mann wird erschossen aufgefunden, neben ihm liegt eine erdrosselte junge Frau. Die Ermittler glauben zunächst an ein Paar, eine Tat aus Eifersucht, doch schnell rückt ein neuer Aspekt in den Mittelpunkt. Beide waren aktiv in einer Facebook Gruppe, in der die Teilnehmer sich über Gedichte ausgetauscht haben und scheinen sich bis vor einigen Tagen gar nicht persönlich gekannt zu haben. Als ein weiteres Mitglied der Gruppe seinen Selbstmord ankündigt, ist sich Beatrice Kaspary sicher, dass die Lösung des Falls nur in der Gruppe zu finden ist und beginnt sich mit einer falschen Identität intensiv in die Gespräche einzuschalten.
 „Blinde Vögel“ ist einfach unglaublich spannend und mitreißend. Die Ermittler sind sympathisch beschrieben und bringen auch private Aspekte mit in die Geschichte, ohne dass diese die Geschichte dominieren. Auch wenn einem die Story am Anfang etwas absurd vorkommt, nimmt sie einen schnell gefangen und überzeugt durch eine klare Struktur und spannende Wendungen, die anfangs nicht zu erwarten waren. Auch die Ermittler scheinen von der Entwicklung der Geschichte genauso überrascht wie man als Leser selbst, was sowohl die Story als auch die Charaktere so glaubhaft macht. 
Ich war von dem zweiten Thriller von Ursula Poznanski absolut begeistert und hoffe schon jetzt sehr auf einen dritten Band mit Kaspary und Wenninger als Ermittler. 

Mittwoch, 25. Juni 2014

Kate Morton "Die fernen Stunden"


Edith Burchall wird durch Zufall auf die Vergangenheit ihrer Mutter aufmerksam, als ein 50 Jahre alter Brief zugestellt wird. Dieser stammt von einer alten Freundin, bei der sie 1940  während der Evakuierung aus London auf Schloss Milderhurst lebte. Edith beginnt über das Schloss zu recherchieren, wo die drei Schwestern Percy, Saffy und Juniper Blythe seit Jahren abgeschieden leben und das schwere Erbe ihres Vaters verwalten, der mit der Geschichte vom Modermann einen literarischen Klassiker schrieb.
 Zunächst scheint es beim Lesen, als wäre Edith Mutter Meredith die Protagonistin der Geschichte, doch schnell wird klar, dass sie nur eine Art Auslöser ist, der Edith dazu bringt die wahre Geschichte herauszufinden. Dabei wird immer deutliche, dass die Fiktion der Modermann-Geschichte untrennbar mit dem wahren Leben der Blythe-Schwestern verbunden ist und die jüngste Schwester Juniper sogar in den Wahnsinn getrieben hat. Der Vater hat die Schwestern an das Schloss gekettet, in dem die Geschichte spielt und das aus Geldmangel um sie herum immer weiter verfällt. Die Geschichte beeindruckt besonders durch die starken Charaktere und die vielen Aspekte der Story, die die Autorin jedoch problemlos zusammenführt und wieder trennt, was die Handlung so spannend und nervenaufreibend macht. Als Leser folgt man vielen Andeutungen, die einen in die falsche Richtung führen, um sich dann um so überraschender aufzulösen. Fantasie und Fiktion auf der einen Seite kollidieren immer wieder mit der Realität, in der die Schwestern leben und manchmal fällt es schwer, beides auseinander zu halten. Dies passt aber gut zu dem gesamten Leben auf dem Schloss, denn auch die Schwestern haben sich mit ihrer Vergangenheit wie in einer fiktiven Geschichte eingerichtet, die sie nicht ändern können, in der sie jedoch brav ihre Rollen spielen müssen. 
„Die fernen Stunden“ ist mit Abstand der bisher literarischste und tiefgehendste  Roman von Kate Morton und überzeugt durch Spannung und ausgefallene Charaktere. 

Sonntag, 22. Juni 2014

Jo Nesbø "Das fünfte Zeichen"


In diesem Fall bewegt sich Harry Hole mal wieder dicht an der Grenze zur Illegalität und verliert sogar seinen Job, weil seine Methoden und seine Alkoholsucht ihn zu einem unkontrollierbaren Faktor in den Ermittlungen machen. Und diese haben es mehr als in sich. Eine Leiche wird gefunden und die Obduktion ergibt, dass sich unter ihren Augenlidern ein fünfzackiger Diamant verbirgt. Welches Zeichen will der Mörder damit setzen? Als weitere Leichen auftauchen wird klar, dass die Polizei es mit einem Serientäter zu tun hat, der eiskalt und nach System mordet. Obwohl Kommissar Hole inzwischen suspendiert ist, ermittelt er weiter und kommt der Lösung des Falls gefährlich nahe. 
Harry Hole ist wie immer einmalig, an Grusel und Spannung kaum zu überbieten. Harrys zerrissenen Psyche drängt sich dabei immer wieder in den Vordergrund, er ist der klassische Ermittlertyp des einsamen Wolfs. Der Verlust seiner Kollegin Ellen, für deren Tod er einen Kollegen verantwortlich macht, und die Trennung von seiner Freundin Rakel und deren Sohn Oleg verstören ihn zutiefst und treiben ihn immer tiefer in die Sucht. Und diese Sucht ist nicht nur der Alkohol, sondern auch der Tanz auf dem Vulkan bei der Suche nach dem Serienkiller. Immer wieder bringt er sich selbst in Gefahr und ohne zu wollen auch Rakel und Oleg. Denn der Killer weiß genau, wo seine schwache Seite ist und versucht so den gewieften Ermittler auszuspielen. 
"Das fünfte Zeichen“ ist hochgradig mitreißende Krimiunterhaltung und gehört bei jedem Krimi- und Thriller-Fan - wie im übrigen auch alle anderen Harry Hole Romane - ganz vorne in das Bücherregal. 

Samstag, 14. Juni 2014

Kate Morton "Das geheime Spiel"


Wenn Kate Morton eine Geschichte entwickelt, hat diese Gefühl und Spannung, sie nimmt den Leser mit in eine andere Welt und lässt ihn Figuren entdecken, die ihn berühren. Genauso ist es auch in ihrem Roman „Das geheime Spiel“, in dem die Hauptfigur Grace sich als alte Frau an ihr Leben Anfang des 20. Jahrhunderts erinnert. Damals war sie Hausmädchen bei Lord und Lady Ashburry und lernte die Kinder David, Hannah und Emmeline. Sie begleite sie durch Liebe und Verlust, Angst und Verzweiflung angesichts der Schicksalsschläge, die sie in den unsteten Zeiten während des ersten Weltkriegs und später in den wilden zwanziger Jahren ereilen. Dabei wird die Geschichte überschattet von dem alles entscheidenden Unglücksschlag, dessen wahre Entstehung nur Grace zu kennen scheint. Und so bewegt man sich mit ihr unweigerlich auf die große Katastrophe zu. 
Die authentischen Figuren und detaillierten Beschreibungen lassen einen sofort tief in die Geschichte eintauchen, so dass man das Buch nicht mehr aus der Hand legt. Die Personen wachsen einem ans Herz, die emanzipierte, eigensinnige Hannah ebenso wie die verzogene und vergnügungssüchtige Emmeline, die mit ihren Exzessen Ablenkung von einer lieblosen Kindheit zu suchen scheint, abgestellt bei Kindermädchen und Zofen, die jedoch keine Eltern ersetzen können. Trotz ihrer Individualität sind die Figuren auch Stereotypen ihrer Epoche. Die Frauenbewegung beginnt das Wahlrecht und Selbstbestimmung einzufordern, während es den reichen Erbinnen der englischen Oberschicht zwar nicht an Geld mangelt, aber an heiratsfähigen Männern, da viele ihrer Generation im ersten Weltkrieg starben. Der Titel von Lord oder Lady allein sind nicht mehr ausreichend, der amerikanische Geldadel beginnt mit den alteingesessenen Briten zu konkurrieren und schlägt sie wirtschaftlich ein ums andere mal. All dies fasst Kate Morton in ihrem Portrait einer Familie und ebenso einer Epoche zusammen und schafft ein umfassendes, berührendes Bild von Menschen, die mit oder gegen ihre Zeit leben. 
In „Das geheime Spiel“ nimmt die Autorin ihre Leser mit auf die Reise in eine andere Zeit und lässt einen selbst diese beim Lesen vergessen. Das sollte man sich auf keinen Fall entgehen lassen. 

Montag, 9. Juni 2014

Rita Falk "Schweinskopf al dente"


Der bayrische Provinzpolizist Eberhofer möchte eigentlich nur seine Ruhe, seine Freundin zurück und jeden morgen das gute Frühstück seiner Omi. Doch als der Richter Moratschek von einem verurteilten Mörder bedroht wird und dieser dann aus dem Gefängnis fliehen kann, bleibt ihm nichts anderen übrig, als Zeit mit dem Richter zu verbringen, um ihn zu beschützen. Erst recht nachdem dieser einen Schweinekopf in seinem Bett gefunden hat - das grenzt ja schon an mafiöse Methoden. Eberhofer muss also wohl oder übel ermitteln und Omis Frühstück ein paar mal ausfallen lassen. 
Ich habe mir das Buch gekauft, nachdem ich die Verfilmung von „Dampfnudelblues“ gesehen habe, die ich ausgezeichnet fand. Während der filmische Eberhofer facettenreich und unterhaltsam war, scheint die literarische Vorlage jedoch flach und langweilig. Die Story kommt meiner Meinung nach nicht richtig in Gang und beim Lesen blieb das Gefühl, es müsste noch irgendwas passieren, damit es überhaupt eine sinnvolle Handlung wird. Die Idee scheint zwar witzig und spannend, die Umsetzung bleibt jedoch leider farblos und etwas langatmig, denn Eberhofer springt hin und her zwischen den Ermittlungen im Kriminalfall, seiner Familie mit ihren Problemen und der Tatsache, dass seine Freundin nach Italien abgehauen ist. Ein stringenter roter Faden ist schwer zu finden, so dass keine Spannung aufkommt und auch die Figuren blass zurückbleiben.
 Abschließend war ich enttäuscht von dem Roman und hoffe dennoch auf weitere witzige und unterhaltsame Verfilmungen. 



Donnerstag, 5. Juni 2014

Kerstin Böhm & Ulrike Wronski "Verplant Verliebt"


Marie ist an Ordnungsliebe kaum zu überbieten, alles wird bei ihr vorbereitet, geplant und durchorganisiert - auch ihr gesamter Lebensplan. Um so schlimmer, als der planmäßige Vater ihrer Kinder sie betrügt und sie sich von ihm trennt. Ihr schöner Plan ist dahin. Ein Neustart muss her und so lässt sie sich auf einer Party mit dem attraktiven Karlo auf einen One-Night-Stand ein. Doch die einmalige Planlosigkeit bringt ihr gesamtes Leben durcheinander, denn Karlo stellt sich als ihr neuer Kollege heraus und als Frauenaufreißer obendrein- das glaubt Marie jedenfalls. Da ist jede Menge Chaos vorprogrammiert. 
Der Roman besticht durch viel Liebe zum Detail, sowohl was das Szenarie, als auch die Charaktere betrifft. Karlo und Marie haben ihre Macken und Eigenarten, die sich jedoch auf eine natürliche Art zu ergänzen scheinen. Das gibt der Geschichte eine Menge Spannung, ohne jedoch konstruiert oder gewollt zu wirken. Das Lesen des Romans mach einfach Spaß und die Geschichte wirkt keineswegs wie ein Kopie bekannter Romane von Marian Keyes, Carly Phillips oder Meg Cabot. Die Autoren bringen ihren eigenen Stil in die Geschichte und halten das Niveau vom Anfang bis zum Ende. So schaffen sie liebenswerte Charaktere in einem glaubwürdigen Szenario, mit denen man gerne bis zum Ende mitfiebert und ihnen nur das Beste wünscht
Ein durch und durch gelungener Liebesromane, für laue Sommerabende genauso geeignet wie für verschneite Tage vor dem Kamin. 

Dienstag, 3. Juni 2014

Tilman Birr "On the left you see the Siegessäule"


Tilman ist Ende zwanzig und hat sein Studium der Geschichtswissenschaften in Berlin beendet. Auf der Suche nach einem Job, der die Miete zahlt, landet er als Stadtbilderklärer auf einem der zahlreichen Touristenboote, die stündlich die Spree durch die Berliner Mitte rauf und runter dümpeln. In seinem Buch erzählt Tilman von allerlei kuriosen Begegnungen mit Menschen, die doch ein etwas spezielles Bild von Berlin und Deutschland haben. 
Der Klappentext klang auf jeden Fall sehr witzig und viel versprechend, leider hatte ich das Gefühl, dass die besten Gags auch genau dort schon verschossen wurden und das Buch nicht viel mehr zu bieten hat. Die Geschichte lebt von den witzigen Passagieren, mit denen Tilman unterwegs ist, nur leider sind die gar nicht so kurios und witzig wie erhofft. Ein Landei, dass in eine Disco will? Als ob man so etwas Uncooles in Berlin noch hätte. Auch dass viele Menschen mit einem witzigen Dialekt daherkommen, wird für immer neue Kalauer verwendet, die sich aber wenig voneinander abheben und dass Buch schnell etwas öde und langatmig werden lassen.
 Im Großen und Ganzen war das Buch zwar gut lesbar, hat aber enttäuscht. Ich hatte mir nach der Ankündigung doch einige abstrusere Szenen vorgestellt. So reicht es meiner Meinung nach einfach nicht, um ein ganzes Buch zu füllen. 


Donnerstag, 22. Mai 2014

Kathryn Stockett "Gute Geister"


Aibileen und Minny sind Hausmädchen und leben genauso wie die junge wohlhabende Skeeter in Jackson, Mississippi in den 60er Jahren. Doch während Aibileen und Minny wie alle schwarzen Angestellten für einen Hungerlohn rund um die Uhr arbeiten müssen, kann Skeeter es sich als weißes Mitglied der Oberschicht bei Bridgerunden und Teekränzchen gut gehen lassen. Doch Skeeter scheint die einzige in der weißen Gesellschaft von Jackson zu sein, die der Ungerechtigkeit ein Ende machen will. Und so beginnt sie, ein Buch über und mit den Hausmädchen zu schreiben. Während immer wieder schwarze willkürlich umgebracht werden, haben zahlreiche der Hausmädchen den Mut, Skeeter ihre Lebensgeschichte zu erzählen, die positiven und die negativen Erfahrungen. All dies fasst Skeeter mit veränderten Namen und in einem erfundenen Ort in einem Buch zusammen. Alle beteiligten haben viel zu verlieren, falls ihre Identität auffliegen sollte, doch sie gehen das Risiko ein und erzählen ihre Geschichten. 
„Gute Geister“ ist ein faszinierendes und bewegendes Buch. Die Geschichten der Mädchen sind keinesfalls ausschließlich negativ, viele erinnern sich mit viel Liebe an Kinder, die sie aufgezogen haben, gute Menschen, die ihnen geholfen haben. Doch die Willkür die sie immer wieder erfahren, trifft einen beim Lesen und auch wenn Skeeter etwas ändern will, wird schnell klar, dass sie als einzelne nicht viele Möglichkeiten hat. Sie verliert ihre Freunde und jeden Rückhalt in der Gesellschaft und wird immer isolierter. Doch auch wenn sie zu Aibileen eine enge Beziehung aufbaut, kann diese Freundschaft nicht funktionieren angesichts der gesellschaftlichen Gegebenheiten. So wird Skeeter eine einsame und fast tragische Figur, die sich der Situation nur noch durch Flucht entziehen kann. Trotz dieser traurigen Handlung überwiegen die positiven Elemente, der Stolz der Frauen auf das erreichte und den eigenen Mut ist bewegend. Kathryn Stockett ist es großartig gelungen, eine schwierige Epoche der Geschichte Mississippis in eine realitätsnahe und berührende Geschichte zu fassen und den Leser dabei noch zu unterhalten, ohne immer den erhobenen Zeigefinger zu schwingen und sich in Schuldzuweisungen zu ergehen. 
Dieser Roman ist wirklich uneingeschränkt zu empfehlen, die Verfilmung mit Emma Stone ist inzwischen auch unter dem Titel „The Help“ auf DVD erschienen. 

Mittwoch, 21. Mai 2014

Nicolas Barreau "Eines Abends in Paris"


Alain betreibt ein kleines Programmkino im Pariser Stadtteil Saint Germain und hat dafür eine erfolgreiche Karriere nach seinem Wirtschaftsstudium aufgegeben. Doch Filme sind sein Leben und das Programm des Kinos gestaltet er ganz nach seinen Interessen. Jeden Mittwoch Abend zeigt er einen alten Liebesfilm und oft kommen jeden Mittwoch Abend die gleichen Besucher. Unter anderem die mysteriöse Frau im roten Mantel, die jedes Mal in Reihe 17 sitzt und danach wieder geht. Als Alain sich endlich traut die Frau anzusprechen, verbringen sie einen wunderschönen Abend gemeinsam, doch danach verschwindet sie einfach aus seinem Leben. Er hat keine Telefonnummer und keine Möglichkeit sie zu kontaktieren- sie scheint sich einfach in Luft aufgelöst zu haben. Zeitgleich fallen der berühmte amerikanische Regisseur Allan Wood und die weltberühmte französische Schauspielerin Solène Avril in sein Leben ein und wollen in seinem kleinen Kino einen großen Film drehen. Ob das Verschwinden der einen Person mit dem Auftauchen der anderen Personen zusammenhängt?
Man hätte Nicolas Barreaus Roman „Eines Abends in Paris“ keinen passenderen Titel geben können, denn die Geschichte beginnt mit diesem einen bedeutenden Abend im Leben von Alain, an dem er mit seiner Traumfrau ausgeht. Doch der Autor schreibt hier keineswegs eine kitschige Liebesgeschichte mit dramatischem Drumherum, wie das Auftauchen des Hollywoodpersonals vermuten lässt. Der Roman ist getragen von der Stimmung, von der Romantik, die Alains verzweifelte Suche nach seiner Liebe ausstrahlt. Dennoch bleibt die Geschichte regelrecht ruhig und undramatisch und zieht einen unweigerlich immer weiter hinein in das Seelenleben von Alain. Man kann nicht aufhören weiterzulesen, weiter nach Spuren zu suchen, die erklären, wohin es die Frau im roten Mantel vertrieben haben könnte und warum. Allan Wood ist ihm dabei ein väterlicher und dennoch selbst verzweifelter Ratgeber, der ihn ungewollt auf eine falsche Fährte schickt.
 Diese Roman ist wirklich etwas Besonders, mit Liebe geschrieben erzählt er von der großen Liebe, die man nie wieder loslassen möchte. Und Nicolas Barreau zeigt, dass nicht Kitsch und flache Charaktere das sind, was einen Liebesroman ausmacht, sondern diese besondere Stimmung, die man nur selten in einem Buch findet. 

Freitag, 2. Mai 2014

Kate Morton "Der verborgene Garten"


Nell ist vier, als sie ohne Familie und Bekannte in Australien ankommt. Ein Hafenarbeiter findet sie mit ihrem Koffer und er und seine Frau ziehen sie groß. Erst mit 21 erfährt sie, wie sie bei ihren Adoptiveltern gelandet ist und es bringt ihr ganzes Leben durcheinander. Doch erst spät macht sie sich auf die Suche nach ihren Wurzeln. Jahre später nach ihrem Tod erbt ihre Enkelin Cassandra ein Haus in Cornwell und begibt sich auf die Suche, die ihre Großmutter begonnen hat, aber nie zu Ende führen konnte. Sie reist nach England um ihre Familie zu finden und ihrer verstorbenen Großmutter ihre Vergangenheit zurück zu geben. 
Mit diesem Roman ist Kate Morton eine unglaublich einfühlsame und mitreißende Geschichte gelungen. Die teilweise schwierigen Charaktere faszinieren von der ersten Minute an und ein Geheimnis, das über der Vergangenheit schwebt, zieht einen in die Geschichte. Überall lauern versteckte Hinweise, wie es passieren konnte, dass die vierjährige Nell völlig ohne Familie auf einem Schiff nach Australien landet. Doch erst ganz zum Schluss schließt sich der Kreis, ohne dass die Geschichte ihre Glaubwürdigkeit verliert. Natürlich erinnert diese Geschichte ein bisschen an die Romane von Lucinda Riley und ähnlichen Autorinnen, doch Kate Morton gelingt es außergewöhnlich gut, ihre Leser in die Geschichte mitzunehmen und zu fesseln. 
„Der verborgene Garten“ ist ein ausgezeichneter Schmöker für alle, die sich immer ärgern, wenn ein Buch schon nach 300 Seiten vorbei ist, denn Kate Morton liefert über 600 Seiten pure Unterhaltung. 

Sonntag, 13. April 2014

Sophie Kinsella "Kein Kuss unter dieser Nummer"


Zwei Dinge, die eine junge New Yorkerin nie verlieren sollte: Ihren Verlobungsring (ein unbezahlbares Erbstück) und ihr Handy, das quasi ihr gesamtes Leben beinhaltet. Poppy Wyatt schafft es, beides an einem Abend zu verlieren. Als sie ein Handy in einem Mülleimer findet, beschließt sie kurzerhand, es einfach zu behalten und zu ihrem zu machen. Da es sich um das Telefon der persönlichen Assistentin des Geschäftsmanns Sam Roxton handelt, ist sie schneller als gedacht in dessen Leben involviert. Und während sie nun versucht, nebenbei das Leben von Sam Roxton zu managen, muss sie auch noch ihren Verlobungsring finden und ihre Schwiegereltern in spe davon überzeugen, dass sie ein guter Mensch ist. Zu viele Aufgaben auf einmal!
Sophie Kinsella ist seit Jahren ein Garant für gute Unterhaltung mit spannenden Charakteren und schönen Liebesgeschichten. Auch „Kein Kuss unter dieser Nummer“ passt perfekt in das bekannte Schema der Autorin und enttäuscht keine Leserin, die ihre alten Bücher mochte. Trotz der realitätsferne der Idee, nimmt man Poppy ihre Handlung irgendwie ab. Ihr Charakter ist zwar etwas albern, aber sie bleibt trotzdem in ihrem Umfeld glaubwürdig. Dass am Ende ein Happy End kommt und die Prinzessin vorher einige Frösche küssen muss, ist ein Prinzip, dass schon seit den Märchen der Gebrüder Grimm funktioniert und hier auch wieder zum Tragen kommt. Als Leserin hat man viel Spaß mit dem Buch und wird wie immer sehr gut unterhalten. 
Wer auf der Suche nach einem modernen, romantischen Märchen im New York á la Sex and the City ist, kommt hier auf jeden Fall auf seine Kosten.

Mittwoch, 9. April 2014

Simon van Booy "Die Illusion des Getrenntseins"


Viele Menschen begegnen einem in diesem wunderbaren Buch. Martin, der in einem Seniorenheim in Florida arbeitet; John, der im Zweiten Weltkrieg für die Amerikaner kämpft und seine junge Frau Harriet zurücklässt; Amelia, die blind ist und versucht, ihr Leben in New York zu leben und noch viele andere. Jeder ist miteinander verbunden, ohne es zu wissen. Martin wurde als Baby in den wirren des Zweiten Weltkriegs adoptiert und weiß nichts von seiner Verbindung zu all diesen Menschen, doch sie ist unweigerlich da und lässt sich nicht leugnen. 
Was Simon van Booy in „Die Illusion des Getrenntseins“ beschreibt, ist auf wunderbare und poetische Art das, was wir heute alle kennen wenn wir in sozialen Netzwerken unterwegs sind und uns wildfremde Leute als Freunde vorgeschlagen werden, weil ein Freund von einem Freund diese Person kennt. So sind wir alle im Internet irgendwie verbunden, doch auf eine sehr oberflächlich profane Weise. Die Verbindung von Amelia und Martin, von Hugo, John und Danny geht sehr viel tiefer, denn sie erklärt ihr Leben, ihre Einstellung und ihre Erwartungen. Das Wissen oder auch gerade das Nichtwissen der Vergangenheit prägt die Menschen. Doch Simon van Booy zeigt seinen Lesern, dass niemand ohne Vergangenheit ist und egal was passiert, etwas von uns in anderen weiterleben wird. Selbst wenn man glaubt, keine Verbindung zu haben, ist dies eine Illusion, ein Trugbild der Gesellschaft. Die Figuren in van Booys Roman kennen sich nicht, sind sich nicht begegnet, höchstens flüchtig. Und ohne zu wissen warum, wirken diese flüchtigen Begegnungen nach, entwickeln die Menschen weiter. Dass wir unabhängig von anderen Leben, eben dieses Getrenntsein, ist die Illusion die Simon van Booy seinen Lesern aufzeigt. Dies tut er in wunderbar anrührenden stillen Geschichten mit liebenswerten, verunsicherten Charakteren an den Wendepunkten ihrer Lebensgeschichte.
Mit „Die Illusion des Getrenntseins“ ist Simon van Booy ein wirklich außergewöhnliches Buch gelungen. 

Sonntag, 30. März 2014

Marc-Uwe Kling "Die Känguru-Offenbarungen"


Marc-Uwe wird langweilig. Als das Känguru verschwunden war, fühlte er zwar erst Erleichterung. Doch mit der Zeit muss er zugeben, dass ein Leben ohne Känguru nur wenig Sinn macht. Besonders wenn der böse Gegenspieler, der Pinguin, im gleichen Haus wohnt. Umso besser, dass das Känguru plötzlich inkognito vor der Tür steht und die Wohnung wieder mit Schnapspralinen füllt. Doch jetzt der Pinguin ist verschwunden und so begeben sich Marc-Uwe und das Känguru auf eine komplizierte Suche um den ganzen Globus nach ihrem bösen Gegenspieler. 
„Die Känguru-Offenbarungen“ reichen problemlos an die ersten zwei Bücher heran und sind an Witz und skurriler Situationskomik kaum zu überbieten, beispielsweise wenn das Känguru sein Geld „möglichst blutig“ anlegen will und den Bankberater damit schwer durcheinander bringt. In Kinderarbeit und Umweltverschmutzung wollte bei ihm wohl absichtlich noch niemand investieren. Die beiden kommen scheinbar einer Pinguin-Weltverschwörung auf die Spur und beim Lesen fragt man sich manchmal, wie man so viele gute und gleichzeitig wahnsinnige Ideen haben kann, die dann noch in ein Buch packt und trotzdem hat man beim Lesen nie das Gefühl, dass es einfach nur Schwachsinn ist. Das gelingt einem wohl nur mit dem Känguru.
Wieder einmal zeigt sich, es geht nichts über ein Känguru als Mitbewohner. Ich werde sicherheitshalber weiter Schnapspralinen da haben und warten. 

Mittwoch, 26. März 2014

Moritz Matthies "Voll Speed"


Rufus und Ray sind zurück! Die Erdmännchen müssen wieder einmal in einem spannenden Fall ermitteln, erneut an der Seite eines gewieften Privatdetektivs. Einige Tiere im Zoo benehmen sich komisch und ein Erdmännchen fällt sogar ohnmächtig um - schnell kommt raus, dass die Ratten aus der Kanalisation über den Gorilla mit Drogen handeln. Doch das ist nur die Spitze des Eisberges, die Erdmännchen kommen einem Drogenring in Sportlerkreisen auf die Spur.
Mit unglaublich viel Witz und Charme liest Christoph Maria Herbst auch diesen Band von Rufus und Ray. Der Charakter von Tieren und Menschen zeichnet sich deutlich in der gewählten Sprechweise ab, mit der Herbst die Protagonisten ausstattet. Egal ob eine reicher versnobte Witwe oder dümmliche Flamingos, die sich ihren eigenen Namen nicht merken können, alle haben eine eigene Art, die die gelesene Geschichte lebhaft macht und trotz des einzelnen Lesers hat man schnell das Gefühl, in einem ausgiebigen Hörspiel gelandet zu sein. Die Geschichte wird nicht nur gelesen, sie wird fast schon gespielt. 
Die Story ist wie auch beim ersten Mal skurril und natürlich völlig abwegig, macht deshalb aber auch umso mehr Spaß. Die Erdmännchen um Rufus und Ray entwickeln sich weiter, der aggressive Clanführer Rocky wird Vater, Rufus verliebt sich und Ray trauert seiner Elsa immer noch hinterher. Als Hörbuch mit Christoph Maria Herbst ist „Voll Speed“ einfach uneingeschränkt zu empfehlen. 

Montag, 17. März 2014

Moritz Matthies "Ausgefressen"


Ray und Rufus sind zwei Erdmännchen im Berliner Zoo und könnten ein entspanntes Leben führen. Für Futter ist gesorgt und gelegentlich posieren sie mit ihrer Familie für die Besucher. Doch als im Zoo ein Mann verschwindet und ein in der Nacht Schüsse zu hören sind, versuchen die zwei rauszufinden, was es damit auf sich hat. Ein Privatdetektiv - der unter Alkoholeinfluss fließend Erdmännisch spricht - heuert sie an, ihm bei den Ermittlungen zu helfen, und so buddeln die Erdmännchen mit dem gesamten Clan nach einer Leiche unter dem Eiswagen. Doch dann wird klar, dass der Fall noch viel komplizierter ist und Ray begleitet den Schnüffler bei seinen Recherchen außerhalb des Zoos. 
Das Hörbuch wird gesprochen von Christoph Maria Herbst, der es schafft, mit seiner Stimme jedem Erdmännchen seinen eigenen Charakter zu geben. Das ganze ist so witzig und unterhaltsam, wie das Buch in gedruckter Form vermutlich nie sein könnte. Die Geschichte wird so lebhaft erzählt, dass man wo man geht und steht weiter hören will und die Geschichte so sehr schnell vorbei ist. Zum Glück gibt es schon drei Geschichten um Rufus und Ray, die alle von Christoph Maria Herbst gesprochen werden, für Nachschub ist also erst einmal gesorgt. Die Story von „Ausgefressen“ ist an sich nicht besonders anspruchsvoll, aber durch die verschiedenen Tierarten, die alle ihren eigenen Charakter haben und Rays unerwiderte Liebe zu der Chinchilladame Elsa hat man immer etwas zu lachen.
 „Ausgefressen“ ist ein absolut empfehlenswertes kurzweiliges Hörbuch mit einem großartigen Sprecher und einer witzigen Story. 

Lucinda Riley "Der Lavendelgarten"


Die junge Tierärztin Emilie de la Martinière ist in Südfrankreich, um ihr Erbe zu regeln. Ihr Vater ist schon länger tot, ihre Mutter ist vor kurzem gestorben und Emilie muss entscheiden, was mit dem Château, dem Weinberg und der Pariser Wohnung der wohlhabenden Familie geschehen soll. Sie ist völlig überfordert mit diesen Entscheidungen und umso erleichterter, als der Engländer Sebastian in ihr Leben tritt, ein Kunsthändler, der ihr hilft und Sicherheit gibt. Ihre Familien sind miteinander verbunden, denn Sebastians Großmutter hat Emilies Vater während des zweiten Weltkrieges kennen gelernt. Welche Geheimnisse ihre Vergangenheit noch birgt, erfährt Emilie jedoch nur langsam.
„Der Lavendelgarten“ ist eine Geschichte, die in zwei Strängen erzählt wird. Einmal Emilies Liebesbeziehung zu Sebastian, aber viel mehr im Vordergrund steht eigentlich die Geschichte von Constance und Éduard, den Vorfahren der beiden. Im zweiten Weltkrieg unterstützen beide Résistance und begaben sich damit in große Gefahr. Diese Geschichte beschreibt Lucinda Riley mit sehr viel Gefühl für Details und vermeidet allzu vorhersehbare Wendungen, was für den Leser die Spannung erhöht und ihn schnell mitnimmt in die Geschichte. Die Autorin schafft keine glatten, makellosen Charaktere sondern Menschen mit Fehlern und realistischen Problemen, die sich positiv von vielen Charakteren der Unterhaltungsliteratur abheben. Als Leser hat man hier nicht das Gefühl, das Ende von Anfang an zu kennen, sondern entdeckt gemeinsam mit Emilie ihre Vergangenheit. Die Geschichte ist logisch aufgebaut vor einem historischen Hintergrund, der nicht unnötig verbogen wurde für den Verlauf der Geschichte. Gerade der Wechsel der Zeiten von den 40er Jahren in die Gegenwart machen das Buch so unterhaltsam und gleichzeitig spannend. 
Mit dem „Der Lavendelgarten“ ist Lucinda Riley wieder ein wunderbar kurzweiliges Buch gelungen, dass sich problemlos mit den ersten Werken der Autorin messen kann. 

Mittwoch, 5. März 2014

Kate Mosse "Die Frauen von Carcassonne"


Sandrine Vidal lebt 1942 mit ihrer Schwester Marianne und der Haushälterin Marieta in Carcassonne im nicht besetzten Teil von Frankreich. Ihr Leben verläuft relativ ungestört und sie nimmt den Krieg kaum war, bis sie durch Zufall auf ein Mitglied der Résistance trifft, das auf der Flucht ist. Sie kann ihm zwar nicht helfen, geht aber dennoch mit ihrer Schwester zu einer Demonstration gegen das kooperierende Regime in Vichy. Als dort eine Bombe explodiert, bricht Panik aus und sie versteckt den Hauptverdächtigen, von dessen Unschuld sie überzeugt ist. So erfährt sie, dass ihre Schwester und deren Freundinnen bereits lange im Widerstand aktiv sind. Sie schließt sich selbst der Résistance an und beginnt zu kämpfen.
 „Die Frauen von Carcassonne“ nimmt einen von der ersten Seite an mit in Sandrine Welt. Sie macht eine starke Entwicklung durch von einem unbekümmerten und naiven Mädchen zu einer starken Frau, die zur Führungsfigur einer ganzen Widerstandsgruppe wird. An ihrer Seite steht dabei unter anderem Audric Baillard, ein alter Mann, der fest daran glaubt, dass ein alter Codex die Geister verstorbener beschwören kann und dass der Krieg so gewonnen werden kann. Diese mystische Element stört in der Entwicklung leider etwas, da die Frauen besonders durch ihre Stärke und Intelligenz und ihren unbezwingbaren Willen überzeugen. Dass sie dennoch nur durch Geisterglaube eine Chance haben sollen, empfand ich beim Lesen als störend. Es schwächt die großartigen Charaktere, die Kate Mosse hier geschaffen hat, völlig unnötig. Die Geschichte hätte auch ohne das Element des religiösen Codex vollkommen überzeugt. 
Das ändert aber wenig an der Qualität dieses Buches. Die Erzählung ist hervorragend geschrieben und auch wenn sie durch Zeit und Raum manchmal springt, hat man als Leser kein Problem, der Handlung zu folgen. Die Charaktere sind klar strukturiert und die Story ist logisch aufgebaut. Fast alle Figuren machen im Verlauf der zwei Jahre, die die Autorin beschreibt, eine deutliche Wandlung durch, die ihnen von Außen aufgezwungen wird. Auch wenn Sandrine Vidal eindeutig im Mittelpunkt der Geschichte steht, sind die anderen Beteiligten nicht nur Beiwerk, sondern ebenso starke Charaktere, um die sich die Geschichte nicht weniger hätte drehen können. Das macht dieses Buch so spannend zu lesen, da man bis zu kleinsten Nebenfigur mitbangt, wie der Kampf ausgehen wird - auch wenn die historischen Tatsachen bekannt sind. 
Mit „Die Frauen von Carcassonne“ hat Kate Mosse einen großartigen und absolut empfehlenswerten historischen Roman über die Widerstandsbewegung im französischen Midi hervorgebracht. 

Dienstag, 25. Februar 2014

Isabel Beto "Die Bucht des grünen Mondes"


Die Geschichte beginnt in Berlin Ende des 19. Jahrhunderts. Amely ist die Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns und verliebt in dessen Mitarbeiter im Kontor Julius. Einer Verlobung scheint nichts im Weg zu stehen, als ihr Vater ihr mitteilt, dass sie einen Geschäftsfreund von ihm in Brasilien heiraten soll.  Kurzerhand wird sie mit ihrer Zofe nach Manaus geschickt, wo ihr alter cholerischer Ehemann sie erwartet. Als ihr Leben völlig hoffnungslos wird, flieht sie in den Urwald des Amazonas und lebt dort bei einem eingeborenen Stamm und verliebt sich in einen Krieger. Dennoch muss sie irgendwann nach Manaus zurückkehren, will sie ein Zukunft mit ihrem Geliebten haben.
Der Klappentext verspricht die Geschichte einer großen Liebe, in Wirklichkeit scheint Amely sich aber in fast jeden jungen gut aussehenden Mann in ihrer Umgebung verlieben zu können. Erst Julius in Deutschland, dann ein Angestellter ihres Mannes auf den Kautschukplantagen und später der Krieger im Urwald. Der Charakter erscheint extrem wankelmütig und unreif, was das Lesen stellenweise sehr anstrengend macht. Die meisten ihrer Handlungen kann die Autorin schlichtweg nicht so begründen, dass man ihr Handeln verstehen kann. Die Männer sind allesamt wandelnde Klischees, der herrische Vater, der gute fast-Verlobte mit mangelnder Bildung, der cholerische alte Ehemann, der tapfere mutige Krieger - viel Phantasie bei der Entwicklung der Charaktere hat Isabel Beto leider nicht gehabt. Diese Oberflächlichkeiten sind einfach zu störend, um der Handlung noch irgendwelche Glaubwürdigkeit abgewinnen zu können. Dass dann auch noch der totgeglaubte Sohn ihres Mannes plötzlich im Urwald auftaucht, passt dann wirklich nahtlos in die Ansammlung von Klischees aller Liebes- und Kolonialromane. 
Wer auf der Suche nach leichter Kost ohne großen Anspruch an Logik und Realität ist, kann mit dem Buch sicher seine Freude haben. Wer sich aber für gute (Liebes-)Romane interessiert, die in fernen Ländern spielen, sollte lieber bei Autoren wie Sarah Lark und Barbara Wood suchen. 

Donnerstag, 20. Februar 2014

Jörg Maurer "Niedertracht"


Auf einem Felsvorsprung wird eine nahezu mumifizierte Leiche gefunden. Zunächst scheint es sich um einen Wanderer zu handeln, der die Orientierung verloren hat und dort verhungert und verdurstet ist. Doch als Kommissar Jennerwein und sein Team sich den Inhalt des Rucksacks des Kletterers angucken und seine Kleidung wird schnell klar, dass der Mann gezielt am Berg ausgesetzt wurde. Doch wieso sollte jemand so etwas grausames tun? Bald kommen weitere Fälle dazu und es wird deutlich, dass jemand ein regelrechtes Experiment mit Menschen in Extremsituationen durchführt. Der ruhige Kurort wird wieder einmal von einem kuriosen Kriminalfall erschüttert und Kommissar Jennerwein muss sein kreativ werden, um den Täter zu finden. 
Ein Krimi vor idyllischem Alpenpanorama - wie schon im ersten Krimi von Jörg Maurer trifft hier beschauliches Treiben auf einen perfiden Mörder, der die Polizei und das gesamte Dorf in Atem hält. Die Figuren erscheinen jedoch platter und einfallsloser beschrieben als in „Föhnlage“ und da Teile der Geschichte aus Sicht des Täters erzählt werden und das Motiv schnell klar ist, fehlt auch einfach die Spannung in der ganzen Story. Zwar quält man sich beim Lesen nicht von Seite zu Seite, es wirkt jedoch alles belanglos, so dass das Buch wenig in Erinnerung bleibt und einen nicht mitreißt. Die Grundidee hätte zu einem spannenden Krimi führen können, wenn die Auflösung nicht so naheliegend und die Charaktere farblos geblieben wären. 
Jörg Maurers Krimi „Niedertracht“ fällt eindeutig in die Kategorie „Kann man lesen, muss man aber nicht“. Der erste Teil der Reihe war deutlich besser geschrieben. 

Montag, 3. Februar 2014

David Baldacci "Im Bruchteil der Sekunde"


Nur eine Sekunde der Unaufmerksamkeit reicht aus, um Sean Kings Leben zu ruinieren. Als Secret Service Agent Sean King einen Präsidentschaftskandidaten schützen soll und dieser erschossen wird, muss er ein neues Leben anfangen und den Secret Service hinter sich lassen. Ungefähr 15 Jahre später hat er sich gut eingerichtet, er hat Jura studiert und eine Anwaltskanzlei, ein Haus an einem See und ein ruhiges Leben. Doch dann wird ein Präsidentschaftskandidat entführt und die zuständige Agentin nimmt Kontakt zu ihm auf, um Erfahrungen auszutauschen. Die beiden fangen an, zu ermitteln und stoßen auf eine Verbindung zwischen ihren beiden Fällen. Gleichzeit gibt es in ihrem Umfeld immer mehr Morde, als würden die Täter sich langsam an sie heran arbeiten. Die beiden müssen sich mit der Lösung des Falls beeilen, wenn sie nicht selbst die nächsten Opfer sein wollen.
„Im Bruchteil der Sekunde“ ist der perfekte Titel für dieses Buch, denn beide Agenten haben ihre Schutzperson in einem minimal kleinen Zeitfenster verloren, in dem sie unaufmerksam waren. Die Story ist zwar gut zu lesen und es kommt keine Langeweile auf, dennoch bleibt das Buch hinter früheren Krimis des Autors David Baldacci zurück. Die Verbindung zwischen den Fällen und der Hintergrund des ganzen wirken oft zu konstruiert, um noch glaubwürdig zu sein. Zudem gibt es wenig Überraschungen, oft deutete sich schon Seiten vorher an, was später passiert und Sean und Michelle lassen sich sehr leicht in Fallen locken, die die Täter ihnen stellen, ohne groß die Gefahr der Situation zu reflektieren. Für zwei Agenten des Secret Service wirkt das teilweise schon sehr dümmlich. Vom Stil ist das Buch jedoch recht spannend geschrieben und es lässt sich schnell und flüssig lesen, ohne dass das Bedürfnis entsteht, es möge doch bitte endlich zu Ende sein. 
David Baldacchi hat mit „Im Bruchteil der Sekunde“ einen soliden, jedoch wenig spektakulären Krimi abgeliefert, der einem kaum in Erinnerung bleiben wird. 

Dienstag, 28. Januar 2014

Eva Stachniak "Der Winterpalast"


Barbara verlässt noch als kleines Kind mit ihren Polen, doch als ihre Eltern beide sterben wird sie zu Warenka und fängt als Näherin im Sankt Petersburger Winterpalast von Kaiserin Elisabeth an. Doch schnell bemerkt sie der Kanzler, wenn sie nachts durch die Gänge schleicht und lässt sie für sich spionieren. So kommt sie in den engsten Umkreis der Kaiserin, während Prinzessin Sophie von Anhalt- Zerbst nach Russland kommt, welche den Thronfolger und Großfürsten Peter heiraten soll, einen Neffen von Peter dem Großen. Sie versteht sich gut mit Sophie und versucht ihr zu helfen, mit der schwierigen, neuen Situation am Hofe Sankt Petersburgs zurecht zu kommen. Als Großfürstin Katharina soll sie möglichst schnell einen Thronfolger zur Welt bringen, doch ihr Mann schätzt sie nicht und geht ihr aus dem Weg. Gleichzeitig übt die Kaiserin willkürlich Macht in allen Lebensbereichen aus und macht auch Warenka das Leben schwer. Gemeinsam versuchen Warenka und Katharina sich gegen die Kaiserin und den Großfürsten Peter zu behaupten. 
„Der Winterpalast“ zeichnet sich besonders durch die Erzählperspektive aus. Anstatt Katharina (die später bekannt wurde als Katharina die Große) ihre Geschichte erzählen zu lassen, erfährt der Leser alles durch den Blick der Spionin und Dienerin der Kaiserin Warenka. Was Warenka nicht weiß, kann der Leser auch nicht wissen, wodurch einem so manche Überraschung und auch Enttäuschung bevorsteht, denn nicht jeder Mensch ist, wie er auf den ersten Blick scheint. Und Warenka wird im Laufe der Zeit immer nachlässiger und unvorsichtiger. Dies wirft ihr auch der Kanzler vor, doch da hört sie schon lange nicht mehr auf ihren früheren Mentor. Sie glaubt sich unverletzlich als Vertraute der Großfürstin und hält sich für geschickt genug, die Kaiserin auszutricksen. Damit bringt sie sich zwar einerseits in große Gefahr, erhöht jedoch auch die Spannung für den Leser, der immer mehr hinterfragen muss, was die Spionin über die Vorgänge im Winterpalast erzählt. Was stimmt und wo hat sie sich täuschen lassen? Wie ehrlich ist Katharina wirklich, wie rücksichtslos und kalt die Kaiserin Elisabeth? Gleichzeitig erfährt der Leser viel über das Leben der verschiedenen Gesellschaftsschichten im Russland des 18. Jahrhunderts, denn Warenka hält sich bei den Dienstboten genauso auf wie bei den Soldaten und der kaiserlichen Familie selbst. 
Eva Stachniak ist ein großartiger historischer Roman gelungen, der nicht nur die ersten Jahre von Katharina der Großen am russischen Hof beschreibt, sondern auch den zahlreichen Nebenpersonen eine überzeugende Stimme verleiht, ohne die Katharina vermutlich nie die geworden wäre, als die sie später in Erinnerung blieb. 

Freitag, 24. Januar 2014

Sabine Appel "Heinrich VIII. Der König und sein Gewissen"


Das Leben von Heinrich VIII., König von England im 16. Jahrhundert, war schon die Grundlage für zahlreiche Filme und Serien. Auch Shakespeare nahm sein Leben als Grundlage für ein Stück, das weit über die Grenzen Englands Bekanntheit erreichte. Verglichen mit diesen fiktionalen Produkten ist Sabine Appels Biographie von König Henry zwar relativ nüchtern, dafür umso informativer und detaillierter. Das Buch beginnt mit einem kurzen Überblick über die Geschichte des Hauses Tudor und die Autorin nimmt sich viel Zeit, Heinrich VII., seinen Vater, zu beschreiben, seine Politik, seine Intention und sein Wunsch, die Macht mit allen Mitteln in der Familie zu halten. Dies legt eine wichtige Grundlage für das Verständnis des späteren Handelns von Heinrich VIII. Während sein Vater Geld anhäufte und ihm so das reichste Königreich England aller Zeiten hinterließ, lebte Heinrich VIII. ausschweifend mit großem Hofstaat, ein Fest jagte das nächste, es gab Turniere, Maskenbälle, Bankette - all das, was man von einem spätmittelalterlichen Königshof erwartet. 
Auch Heinrichs Zeitgenossen, die ihn berieten und mit denen er zusammenarbeitete, beschreibt Appel sehr genau, denn ihr Einfluss auf den Regenten war oft entscheidend und mehr als einer versuchte ihn für seine persönlichen Zwecke zu manipulieren. Bekannt geworden ist Heinrich VIII. vor allem anderen, weil er sich von der katholischen Kirche in Rom lossagte, um sich von seiner ersten Frau Katharina von Aragon scheiden lassen zu können. Insgesamt hatte er in seinem Leben sechs Ehefrauen, von denen zwei auf dem Schafott endeten. Die Autorin erklärt, mit welchen persönlichen Konflikten der König sich auseinandersetzen musste und wie groß sein Selbstbetrug und seine Selbsttäuschung gewesen sein müssen, um mit seinem eigenen Leben umgehen zu können. Der Wunsch nach einem männlichen Thronerben wurde bei ihm fast zur Manie, so dass er keine Rücksicht mehr auf die Gefühle seiner Frauen nahm, wenn diese ihm nicht geben konnten, was er wollte. Gerne ließ er sich in solchen Fällen von seinen Beratern manipulieren und davon überzeugen, dass seine Frau Ehebruch und damit Hochverrat begangen habe. Die Schaffung seiner neuen Kirche und die Reformation des gesamten Kirch- und Klosterwesens standen im Mittelpunkt seines Lebens und entzweiten ihn unter anderem mit seiner ersten Tochter die Mary, die ihre gesamtes Leben lang wie ihre Mutter Katharina von Aragon glühende Anhängerin des Katholizismus war. 
Sabine Appels Biographie bietet einen anderen Blickwinkel auf den innerlich zerrissenen und nach außen zerstörerisch wirkenden Herrscher. Man bekommt ein Gefühl für diesen Mann, der es gewohnt war, immer alles zu bekommen und immer alles möglich machen zu können, und wenn er dafür seine eigenen Kirche gründen musste. Wer etwas über den wirklichen Heinrich VIII. jenseits von Hollywood und Shakespeare wissen will, sollte dringend dieses Buch lesen. 

Sonntag, 19. Januar 2014

Susanne Goga "Leo Berlin"


Wir befinden uns in Berlin 1922, Leo Wechsler ist Kriminalkommissar und lebt mit seinen zwei Kindern und seiner Schwester in Berlin. Seine Frau ist vor einiger Zeit verstorben und seine Schwester hilft ihm im Haushalt und mit den Kindern. Als ein Wunderheiler erschlagen in seiner Wohnung gefunden wird und eine Prostituierte mit ihrem eigenen Schal erdrosselt wird, hat er mehr Arbeit als ihm Lieb ist und muss seine Familie mit ihren Problemen sich selbst überlassen und sich in die Ermittlungen stürzen. Er ist der einzige der fest daran glaubt, dass die beiden Fälle eine Verbindung haben. Doch wo die liegen könnte, kann er nicht wirklich erklären. Da hilft es nur, immer tiefer zu bohren bei den Zeugen und viel Staub aufzuwühlen.
 Auf den ersten Blick scheinen die Romane von Susanne Goga und Volker Kutscher sich ähnlich zu sein. Ein Ermittler im Berlin der 20er und 30er Jahre, der sich mit vollem Einsatz durch seine Fälle gräbt. Doch schnell zeigt sich, dass man den Geschichten nicht gerecht wird, wenn man sie eine Schublade steckt. Leo Wechsler ist ein gänzlich anderer Charakter als Gereon Rath, er ist eigentlich ein Familienmensch, hat viel Verantwortung und kann nicht als einsamer Wolf durch die Gegend ziehen. Dadurch ist seine Ermittlung auch eine ganz andere. Er verlässt sich auf Kollegen, arbeitet mit seinem Team und ist dementsprechend persönlich getroffen, wenn Mitarbeiter ihm Informationen vorenthalten. Auch zeitgeschichtliche Elemente spielen eine wichtige Rolle, die fortschreitende Inflation und die damit zusammenhängende Lebensmittelknappheit betreffen die Familie Wechsler durch dessen Beamtenstatus zwar nur wenig, in ihrem Umfeld können sie jedoch eine deutliche Verschlechterung der Lebensumstände wahrnehmen. Die Gewalt nimmt zu und ungewollt wird Leo Zeuge, wie ein Nachbar seine Frau erschlägt und das Kind alleine zurückbleibt. Leo Wechsler ist sehr viel dichter dran an sozialen Problemen als Gereon Rath, der mit seiner Verlobten feudal essen geht und sich in Unterhaltungslokalen herum treibt. All dies kann er sich auch leisten, weil er finanziell mit der Berliner Unterwelt verbunden ist. Dies wäre bei Leo Wechsler und seiner klaren Vorstellung von Gut und Böse gar nicht vorstellbar. 
Die Hauptfigur von Susanne Goga ist vielschichtig, glaubwürdig gestaltet und kann die Handlung der Geschichte problemlos tragen. Obwohl in private Probleme quälen, ermittelt er gewissenhaft und steckt viel Energie in die Arbeit. Die Handlung ist absolut spannend. Durch eingeschobene Passagen, in denen der Täter einen an seinen Gedanken teilhaben lässt, ohne dass der Leser weiß, wer er ist, erhöhen dies noch und bringen einen zum Grübeln, welcher der Charaktere diese schon als psychotisch zu bezeichnenden Gedanken hegt. 
Mit „Leo Berlin“ ist Susanne Goga ein spannender und logisch konstruierter Krimi gelungen, der einem gleichzeitig zeitgeschichtlich hochinteressante Einblicke bietet. Ein absolutes Muss für historisch interessierte Krimifans. 

Mittwoch, 15. Januar 2014

Wolfgang Schorlau "Am zwölften Tag"


Dieser Fall geht Ermittler Georg Dengler so nah wie noch kein Fall zuvor. Sein eigener Sohn ist verschwunden. Er hatte erzählt, dass er mit seinen Freunden nach Barcelona will, in Wahrheit hat er sich aber mit ihnen auf den Weg gemacht, um in einem Massentierhaltungsbetrieb zu filmen, um auf das Leid der Tiere aufmerksam zu machen. Doch sie werden von einer Rockerbande erwischt, die auf dem verschuldeten Hof ihren Geschäften nachgeht, während der Besitzer im Urlaub ist. Dengler muss sich beeilen, seinen Sohn und dessen Freunde zu finden, denn die Kreise in die sie geraten sind, verstehen keinen Spaß. 
Wolfgang Schorlau hat für diesen Krimi wieder intensiv recherchiert und was er - verknüpft mit der Story - als Ergebnis präsentiert, lässt einem wirklich übel werden: Osteuropäer, die in Fleischfabriken zu Dumpinglöhnen arbeiten; Macht- und Geldgierige Fleischverarbeiter, die sich über die Dummheit der Menschen lustig machen, die ihre Produkte essen;  gequälte, überzüchtete und mit Medikamenten vollgepumpte Tiere, die wir als Nahrungsmittel zu uns nehmen. Den Besitzer eines Fleischimperiums lässt Schorlau an einer Stelle sagen „Niemand aus unserem Gewerbe ist Pute.“. Und nach der Lektüre dieses großartigen Krimis möchte man gar kein Fleisch mehr essen. Zu grausam und diskriminierend sind die Begleitumstände, die dazu führen, dass das Huhn im Supermark schon für ein oder zwei Euro zu bekommen ist. Diese Informationen sind verknüpft mit einer spannenden Krimihandlung, so dass man als Leser zwischen Grusel und Spannung ständig hin und her gerissen ist. 
Mit „Am zwölften Tag“ trifft Wolfgang Schorlau wirklich einen Nerv und bringt einen dazu, sich weit über das Buch hinaus mit der Problematik zu beschäftigen, die keinesfalls fiktiv ist, sondern lediglich den Rahmen für die Story bildet. Wieder einmal hebt Schorlau sich von den gängigen Kriminalromanen ab und liefert ein großartiges Buch ab.

Donnerstag, 9. Januar 2014

Volker Kutscher "Haus Vaterland"


Gereon Rath ermittelt wieder, und dieses Mal nicht nur in Berlin sondern auch in Ostpreußen. Die Polizei findet eine Leiche, die auf außergewöhnliche Art und Weise gestorben ist. Im „Haus Vaterland“, dem Vergnügungstempel am Potsdamer Platz in den 30er Jahren, wurde der Mann im Fahrstuhl zunächst mit einem seltenen Gift betäubt und dann ertränkt. Schnell zeichnet sich ab, dass es sich hier um einen Serientäter handelt. Gereon Rath und seine Kollegen vermuten die Hintergründe im Alkoholschmuggel und der Kommissar reist nach Ostpreußen, um im Umfeld der Firma „Mathée Luisenbrand“ und des Chefs Wengler zu ermitteln. 
Der neuste Krimi von Volker Kutscher ist spannend und mitreißend wie schon die Vorgänger. Endlich spielt auch Charly Ritter eine größere Rolle, da sie ihre Ausbildung abgeschlossen hat und als Kommissaranwärterin in der Burg am Alexanderplatz arbeitet. Eigentlich ist sie der Inspektion G zugeteilt, wo alle Frauen arbeiten, doch für den aktuellen Fall wird sie an die Mordinspektion ausgeliehen. Wieder einmal kommt es zu Reibereien mit Gereons lockerer Art und seiner Unzuverlässigkeit. All dies geschieht vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen Anfang der 30er Jahre, die vor der Polizei nicht Halt machen. Die mörderischen Kämpfe zwischen Sozialisten und SS-Truppen verstärken sich und auch die Führungsebene des Polizeipräsidiums wird geradezu weggeputscht. All dies beeinflusst die Arbeit von Gereon und Charly jedoch noch wenig, da ihr Fall wenig politischen Bezüge hat. Ein großes Thema ist auch die Teilung Deutschlands durch die Entstehung des Staates Polen und die Abgrenzung Ostpreußens vom Deutschen Reich. Die ausgeprägte Antipolnische Stimmung und das überall präsente nationale Gedankengut schockieren Gereon Rath und behindern gleichzeitig seine Ermittlungen, da es in dem kleinen ostpreußischen Dorf keiner wagt, gegen Mitglieder von SS oder NSDAP auszusagen.
 Volker Kutscher zeichnet in seinem Roman ein graues und bedrückendes Bild von den politischen Verhältnissen, die den Hintergrund bilden für Gereon Raths Mordermittlungen bilden. Das gesamte Buch ist so spannend aufgebaut und hervorragend recherchiert, das man es unmöglich aus der Hand legen kann. Ein absolutes Muss für Krimifans. 

Montag, 6. Januar 2014

Beate Maly "Der Fluch des Sündenbuchs"


Lissabon 1618: Jana und ihr Geliebter Conrad haben schon eine Flucht durch ganz Europa hinter sich, um die Schatzkarte zu schütze, die Jana von ihrem Vater bekommen hat. Sie soll den Weg nach El Dorado zeigen, zu dem größten Goldschatz der Welt. Doch auch die katholische Kirche will die Karte unbedingt haben und verfolgt die beiden von Lissabon auch weiter bis nach Südamerika in den tiefsten Dschungel. Als Janas und Conrads Schiff von Piraten überfallen wird, werden sie auseinander gerissen und müssen sich alleine durchschlagen. Zeitgleich bricht von London aus ein weiterer Schatzjäger auf, jedoch unfreiwillig. Von seinem Schwiegervater auf dessen Sterbebett erpresst, muss er sich auf den Weg machen, als letzte Chance sein Leben in den Griff zu kriegen. Seit Jahren ist er abhängig vom Alkohol und stürzt seine Frau und Kinder immer weiter ins Unglück. Auch er und sein Begleiter geraten in große Gefahr, als bekannt wird, dass eine  zweite Schatzkarte existiert.
 „Der Fluch des Sündenbuchs“ ist zwar eine Fortsetzung des Romans „Das Sündenbuch“, ich kannte den ersten Teil jedoch nicht und das hat beim Lesen nicht gestört. Die Geschichte ist eigenständig und sehr gut erzählt. Die Charaktere sind sehr detailliert beschrieben und nehmen einen schnell mit in die Geschichte, so dass keine langatmigen Stellen entstehen, an denen das Geschehen des ersten Buches noch einmal erläutert werden muss. Die Handlung ist an sich schon sehr spannend und das wird dadurch verstärkt, dass man als Leser den verschiedenen Reisegruppen folgt, die sich immer zu verpassen scheinen. Jana und Conrad finden nur schwer wieder zusammen, so dass Conrad mehrfach kurz davor ist, die Reise abzubrechen. So lässt sich das Buch sehr schnell lesen, es ist unkomplizierte Unterhaltung, die einen auf leichte Art in eine anderen Epoche mitnimmt.
 Für alle Fans von historischen Romanen in der Art von Iny Lorenz ist „Der Fluch des Sündenbuchs“ von Beate Maly sehr zu empfehlen.