Mittwoch, 12. September 2012

Paolo Giordano "Die Einsamkeit der Primzahlen"


Alice und Mattia sind beide Außenseiter als sie sich an der Schule kennen lernen. Und beide haben schon in jungen Jahren ein Trauma erlitten, das sie in ihrem gesamten Leben nie wieder loslassen wird. Alice hatte einen Skiunfall, ihr eines Bein ist steif, große Narben verlaufen über ihren Bauch. Sie versucht die Unzulänglichkeiten zu kompensieren, indem sie sich weigert zu essen und immer weiter runter hungert.
Mattia hat seine geistig behinderte Zwillingsschwester mit sechs Jahren im Park sitzen lassen, um nicht mir ihr zu einer Geburtstagsparty gehen zu müssen. Danach ist sie verschwunden und wird nie wieder auftauchen. Um mit seiner Schuld und seinen Schmerzen umgehen zu können, verletzt Mattia sich regelmäßig, auch sein Körper ist gezeichnet von Narben.
Als die beiden zusammen finden und auf ihre eigene Art Freunde werden, entsteht ein Band zwischen ihnen, was niemand jemals trennen wird. Ohne Worte verstehen sie, was der andere fühlt und durchmacht, so unterschiedlich sie auch mit ihrem Trauma umgehen. Der Roman ist so sensibel und einfühlsam geschrieben, dass einem manchmal eine Gänsehaut über den Rücken hinunter läuft und man Mattias Schmerz spürt, wenn er sich eine Glasscherbe in die Hand drückt oder Alices Ekel, wenn ihr Mann sie zum Essen zwingen will. Die Geschichte begleitet die beiden Protagonisten von 1984 bis 2007 durch ihre Leben. Der Erzähler will kein Mitleid für die Figuren und ihr Schicksal, man soll einfach nur der Erzählung folgen, soll verstehen versuchen, was in Menschen vorgeht, denen etwas geschieht, das für sie so unfassbar und ungerecht ist, dass sie keinen Weg finden, es zu verarbeiten.
Gleichzeitig sind die Gefühle zwischen Alice und Mattia nie klar definierbar, sie sind mehr als Freunde, ein Paar sind die sie aber auch nicht. Es ist etwas Besonderes zwischen ihnen, das ist beiden von Anfang an klar. Und so besonders ist auch dieser Roman, der mit leisen Tönen und viel Emotionen und Nachdenklichkeit den Leser fesselt. Man möchte Alice und Mattia nach der letzten Seite gar nicht mehr alleine ziehen lassen, so sehr sind sie einem ans Herz gewachsen. 

Dienstag, 11. September 2012

Paige Toon "Du bist mein Stern"


Meg glaubt zu träumen, als ihre Chefin ihr anbietet als persönliche Assistentin für den berühmten Rockstar Johnny Jefferson zu arbeiten. Innerhalb einer Woche packt sie ihre Sachen und fliegt von London nach L.A., um ihren neuen Job anzutreten. Doch schnell muss sie feststellen, dass ihr neuer Boss kein einfacher Mensch ist und Sex, Drugs & Rock‘n Roll nicht nur Vorurteile sind. Als ihr dann auch noch ihre Gefühle einen Strich durch die Rechnung machen und sie jedes mal Herzrasen bekommt, wenn der coole Rockstar durch die Tür kommt, ist das Chaos perfekt. 
Paige Toon ist mit „Du bist mein Stern“ mal wieder ein großartiger, locker-leichter Unterhaltungsroman gelungen, der problemlos an ihren Erstlingserfolg „Lucy in the Sky“ anschließen kann. Meg ist eine durchweg sympathische Hauptfigur und die ganzen Klischees, die verwendet werden, fallen nicht unangenehm sondern passen einfach in die Geschichte. Es macht einfach Spaß dieses Buch zu lesen und den Protagonisten durch die Story zu folgen, die ein paar spannende und auch lustige Wendungen nimmt, bevor sie zum Ende kommt. Einfach perfekt für einen verregneten Herbstnachmittag!

Sonntag, 9. September 2012

John Grisham "Der Anwalt"


Kyle ist Mitte 20, Absolvent einer Elite-Uni, Chefredakteur der Yale Law Review und sollte eigentlich eine glänzende Karriere vor sich haben. Bis plötzlich eines Tages ein Unbekannter in seinem Leben auftaucht und ihn erpresst. Ein Video soll beweisen, dass er an der Vergewaltigung einer Kommilitonin beteiligt gewesen ist. Damit ihm nicht der Prozess gemacht wird, soll er bei der größten Kanzlei New Yorks anheuern und brisante Akten herausschmuggeln. Völlig verzweifelt sieht Kyle sein gesamtes Leben zerstört. Wir soll er jemals aus dieser Erpressung herauskommen?
Der Roman beginnt sehr bedächtig und läuft auch so weiter. Die unglaubliche Spannung der frühen John Grisham Romane fehlt diesem Krimi, dennoch ist die Story gut zu lesen, wenn auch stellenweise etwas unglaubwürdig. So schnell wie Kyle sich dem Erpresser unterwirft, müsste der eigentlich mehr gegen ihn in der Hand haben, als ein Video, das beweist, dass er die Studentin eben nicht vergewaltigt hat, sondern betrunken und unzurechnungsfähig im Sessel nebenan saß. Abgesehen von diesem Anfangsfehler, ist der Roman aber wie immer gut geschrieben, die Charaktere sind sympathisch und die Story bringt einen dazu, weiterzulesen. Denn am Ende will man einfach nur noch wissen, wie Kyle aus dieser Geschichte wieder herauskommt.
Dennoch kann der Autor nicht an seine alten Erfolgskrimis anknüpfen, wer noch nichts von Grisham kennt sollte auf jeden Fall erst die älteren Bücher lesen, „Der Anwalt“ ist leider nicht ganz so gut geworden.

Freitag, 7. September 2012

Gisella Stelly "Goldmacher"


Deutschland Anfang der 20er Jahre: Anton und Franz erblicken beide in schwierigen Zeiten das Licht der Welt und lernen sich in den 30er Jahren in der Hitlerjugend während eines Sommeraufenthaltes kennen. Ihr beider Leben wurde geprägt vom „Goldmacher“, dem Versuch, industriell Geld zu produzieren. Antons Vater verlor dadurch seinen gesamten Besitz, Franz‘ Vater startete so seine Karriere bei den Nazis als Banker und Industrieller. Ihr Leben lang bleiben die beiden verbunden und treffen an wichtigen Punkten der deutschen Geschichte aufeinander. 
Gisela Stelly ist mit „Goldmacher“ ein großartiger Roman über die deutsche Geschichte und den Wunderglauben während der Nazi-Diktatur in Deutschland gelungen. Glaubwürdig erzählt sie von dem Wunsch der Menschen, etwas Besonderes zu haben und Wunder möglich machen zu können, egal ob sie nun an das künstliche Gold oder Hitlers Wunderwaffe glauben. Antons Wunsch gemäß dem griechischen Historienschreiber Thukydides die Geschichte dieses deutschen Wunderglaubens aufschreiben zu wollen oder doch zumindest verstehen und in Zukunft verhindern zu können, wird immer wieder mit dem Wunsch von Franz konfrontiert, die Wahrheit nicht sehen zu wollen und sich in seiner Welt einzurichten und voranzukommen.
 Die Geschichte der Familien und ihre Verknüpfungen auch in den nachfolgenden Generationen zeigt Gisella Stelly vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte von Anfang der zwanziger Jahre über den zweiten Weltkrieg, den Wiederaufbau, die deutsche Teilung, die Studentenunruhen in den 60er und 70er Jahren bis zum Mauerfall und der Wiedervereinigung in Deutschland. Dass dieser intelligente und gut durchdachte Roman gleichzeitig auch noch gut lesbar und für den Leser sehr ansprechend aufgemacht ist, wirkt da wie ein Bonuspunkt für ein an sich schon großartiges Buch!

Donnerstag, 6. September 2012

David Nicholls "Zwei an einem Tag"


Am 15. Juli 1988 verbringen Emma und Dexter nach ihrer College Abschlussfeier die Nacht gemeinsam- und von da an ihr ganzes Leben. Jedes Jahr am 15. Juli lässt David Nicholls den Leser einen Blick in das Leben der beiden werfen, was sie tun, wie sie sich entwickeln und wie sie zueinander stehen. Während Emma sich als Schauspielerin, Kellnerin und Lehrerin versucht, jettet Dexter als Kind reicher Eltern um die Welt, sucht einen Job der möglichst cool ist und hat wechselnde Frauengeschichten. Doch nie verlieren sich die beiden aus den Augen und so entsteht eine wundervolle Liebesgeschichte, die einen als Leser nicht unberührt lassen kann. 
Durch die Idee, die Geschichte nicht einfach fortlaufend, sondern punktuell immer an einem Tag im Leben der beiden zu erzählen, entsteht ein Plot jenseits des klassischen Liebeskitsches von „Sie finden sich und lieben sich ihr Leben lang“. Der Roman von David Nicholls ist realistischer und lebensnaher, er erzählt von Momenten, in denen einfach nichts zusammenpasst und zeigt, dass nur Liebe manchmal nicht reicht um zusammen sein zu können. Die Suche nach dem richtigen Augenblick bestimmt das Leben von Emma und Dexter und ihre Entscheidungen.
 „Zwei an einem Tag“ ist kein Roman über Liebe auf den ersten Blick, sondern lässt uns als Leser daran teilhaben, wie sich Gefühle entwickeln und verändern. Für eine Person etwas Bestimmtes zu empfinden ist nicht feststehend, kontinuierlich suchen und finden Emma und Dexter Partner, Familie, Freunde und auch sich gegenseitig immer wieder. Dieser Roman geht ans Herz, ohne kitschig zu sein - sehr zu empfehlen! 

Montag, 3. September 2012

Es wird wieder gebloggt!

Nachdem es im letzten Monat auf meinem Blog leider totenstill war, bin ich jetzt wieder aktiv dabei! Die Seitenzahlen habe ich schon aktualisiert, die Rezension zu "Zwei an einem Tag" folgt in den nächsten Tage. Also bis bald!

Sonntag, 8. Juli 2012

Nicolas Barreau "Das Lächeln der Frauen"


Wenn man sich ein Buch kauft und bereits auf den ersten Seiten des Romans wird das eigene Restaurant erwähnt, kann das Zufall sein und vielleicht freut man sich sogar über die Werbung. Möglicherweise hat man den Autor einmal unbewusst bewirtet? Wenn die Hauptfigur des Romans jedoch genauso aussieht wie man selber und ein Kleid trägt, das man selber im Schrank hängen hat, glaubt man vermutlich nicht mehr an Zufall- sondern an Schicksal! So ergeht es Aurélie Bredin, als sie den Roman „Das Lächeln der Frauen“ entdeckt, der ihr Leben verändern soll. Mühselig versucht sie über den Lektor Kontakt zu dem menschenscheuen englischen Autor herzustellen, doch das birgt mehr Hindernisse als ihr lieb ist. Und auch für den französischen Lektor schafft sie ohne es zu ahnen unglaubliche Probleme, die er nur schwer lösen kann. Denn der englische Autor hinter  dem Namen Robert Miller hat ein ungewöhnliches Geheimnis...
Nicolas Barreaus Roman ist ein Liebesroman, jedoch ohne viel Kitsch und Pomp. Er ist auf eine ruhige und stille Weise beeindruckend und fesselt einen in der Welt von Aurélie und André, den beiden Charakteren, die einander so viele Probleme machen, ohne es auch nur zu ahnen. Langsam bewegen sie sich auf einander zu und das Empfinden für das, was André tut schwankt die ganze Zeit zwischen Verständnis und Abneigung auf Seiten des Lesers. Darf man jemanden für die Liebe manipulieren? Darf man ihn anlügen, wenn das Ergebnis am Ende doch alle glücklich macht? Und wie lange kann ein auf einer Lüge aufgebautes Glück überhaupt andauern? Alle diese Fragen wälzt André hin und her bei seiner Jagd auf Aurélie, während die sehr naiv und unbedarft im Leben vorangeht. Liebe ist für sie immer wahr, ehrlich und nur mit dem ganz großen Knall, den ganz großen Gefühlen möglich. Dass die Liebe sich auch ganz anders entwickeln kann, langsam, über Vertrauen und das Kennend des Anderen zieht sie gar nicht in Erwägung. Und so muss der verliebte André alle Register ziehen, um die verträumte Restaurantbesitzerin auf seine Seite zu ziehen.
Barreaus Figuren sind sensibel, jeder auf seine Art und die Handlung ist so liebevoll geschrieben, voller Empathie für die Charaktere auf allen Seiten der Geschichte, dass man das Buch nicht mehr weglegen mag und das passiert, was der Autor sich in seinem Nachwort vom Leser wünscht: Dass man seinen Roman mit einem Lächeln in der Hand beginnen und mit einem Lächeln beenden möchte.