Samstag, 19. Mai 2018

Krischan Koch "Pannfisch für den Paten"


In Fredenbüll ist einfach immer etwas los: Nach einer Schießerei flieht der New Yorker Mafioso Tony Luciano mit seiner Familie nach Nordfriesland, um unterzutauchen. Gleichzeitig teilt sich Fredenbüll in zwei Lager: Befürworter und Gegner der geplanten Windkrafträder, die der Rotbauchunke ihres natürlichen Lebensraums berauben würde. Als dann auch noch eine Leiche im Beton des Fundaments der Windkrafträder auftaucht, ist Dorfpolizist Thies endgültig aufgescheucht. Kollegin Nicole aus Kiel muss her, um bei den Ermittlungen zu helfen. Denn Thies ist sich sicher: das internationale organisierte Verbrechen hat seinen Sitz nach Fredenbüll verlegt.
Die Regionalkrimis von Krischan Koch aus Fredenbüll zeichnen sich besonders durch das großartige Personal aus. Dorfpolizist Thies ist ebenso wichtig für die Dramaturgie wie die örtlichen Anwohner, die sich im Imbiss „De hidde Kist“ regelmäßig treffen, um die Fälle zu analysieren und auch schon mal mit dem ein oder anderen Tipp zu glänzen. Die Zwillinge von Thies, Telje und Tadje, sind inzwischen zu Teenagern mit eigenen Meinungen herangewachsen und aktiv als Naturschützerinnen. Das Eintreffen der Mafiosi gibt der Geschichte eine unterhaltsame Wendung und bringt die Fredenbüller ordentlich auf Trab. Besonders gut gefällt mir, dass Koch in jedem Roman einen neuen Schwerpunkt legt und man so Stück für Stück immer neue Anwohner besonders gut kennenlernt und später in weiteren Büchern wiederfindet. Spannend am aktuellen Krimi ist hierbei, dass Thies - ohne es zu wissen- eigentlich zwei Fälle gleichzeitig lösen muss, denn Naturschützer und Mafiosi scheinen in einem ähnlichen Umfeld zu handeln – und zu morden.
Mit „Pannfisch für den Paten“ ist Krischan Koch wieder ein runder und ebenso lustiger wie spannender Regionalkrimi aus Fredenbüll gelungen. Wer sich darauf einlassen mag, wird seinen Spaß daran haben.  

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Donnerstag, 17. Mai 2018

Christine Féret-Fleury "Das Mädchen, das in der Metro las"


Jeden Morgen nimmt Juliette die Metro, jeden Morgen sieht sie die gleichen Menschen in der Bahn. Der ältere Herr, der in einem Buch über Insekten liest ebenso wie eine Dame, die jeden Morgen ein altes Kochbuch durchblättert. Bücher bedeuten Juliette viel, doch als sie eines Tages Soliman und seine Tochter Zaide kennen lernt, sollen sie ihr Leben in neue Bahnen lenken. Soliman glaubt daran, dass jedes Buch das Leben eines Menschen verändern kann, es muss nur das richtige für die betreffende Person sein. Und so wird Juliette zur Bücherbotin und versucht, Menschen und Bücher zusammen- zubringen. Bis ein Schicksalsschlag noch einmal alles durcheinander wirbelt.
„Das Mädchen, das in der Metro las“ ist ein wunderschöner Titel und auch das Cover und die Aufmachung des Buches finde ich sehr gelungen. Und wie wohl alle Leseratten fühlt man sich von Menschen, die in der Bahn lesen, gleich angesprochen, zählt man doch selbst dazu. Doch die Geschichte von Juliette, so schön ich die Idee auch finde, konnte mich nicht richtig erreichen. Die Protagonistin war mir zu unscharf, ich habe keinen Zugang zu ihr gefunden und sie wurde mir auch nicht sympathisch. Soliman als Charakter ist sehr spannend angelegt, taucht jedoch viel zu wenig auf, um die Geschichte wirklich voranzutreiben und so plätschert die Handlung einfach nur dahin, ohne wirkliche Höhen und Tiefen zu haben. Die Wandlungen, die Juliette durchmacht, fand ich oft einfach unglaubwürdig, weil die Autorin mir ihre Beweggründe nicht klarmachen konnte. So blieb Juliette für mich nur ein Schatten, kein starker Charakter, der mich an das Buch binden könnte.
Die Autorin Christine Féret-Fleury hatte eine sehr schöne Idee für ihren Roman „Das Mädchen, das in der Metro las“ und besonders die Gestaltung des Dumont Verlags ist großartig gelungen. Die Geschichte selbst konnte mich jedoch nicht überzeugen. Ich empfand sie als etwas gewollt und nicht überzeugend dargestellt.

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Dienstag, 15. Mai 2018

Connie Palmen "Die Sünde der Frau"


Connie Palmen hat einen äußerst scharfen Blick auf die Menschen, die sie in ihrem Buch „Die Sünde der Frau“ beschreibt. Marilyn Monroe, Marguerite Duras, Jane Bowles und Patricia Highsmith sind Frauen, die weltweit bekannt sind, für ihre Kunst aber oft auch für ihre Exzentrik. Sie waren nicht bereit, sich in das Rollenklischee ihrer Zeit zu fügen und haben so immer wieder Menschen vor den Kopf gestoßen – aber auch beeindruckt. Palmen zeigt beeindruckend prägnant, dass hinter den öffentlichen Persönlichkeiten viele Ängste und Probleme verborgen sind, sie zahlen einen hohen Preis dafür, zu sein, wer sie sind.
Mit ihrem Roman „Du sagst es“, einer fiktiven Biographie von Silvia Plath und Ted Hughes, hat Connie Palmen mich völlig gefesselt und das setzt sie mit diesem kleinen Band fort. Sprachlich unglaublich fein und immer genau auf den Punkt gebracht, schildert sie das Leben der vier Frauen mit all ihren Abgründen, ohne zu urteilen oder gar zu verurteilen. Sie ist Beobachterin und Chronistin, nicht Richterin der Frauen, was die Texte so wunderbar macht. Auch wenn die Biographien, wenn man sie so nennen will, immer nur kurz sind, schaffen sie einen Einblick in das Leben und Denken der Personen, regen zu Mitgefühl an, ohne Mitleid zu heucheln.
„Die Sünde der Frau“ ist ein wunderbares Buch. Connie Palmen ist es auf großartige Art und Weise gelungen, das Leben von vier Frauen zu beschreiben, ihre Persönlichkeiten aufzuzeigen und den Leser auf diese Reise mitzunehmen. Dazu ist die optische Aufmachung des Büchleins vom Diogenes wunderschön gemacht, ein Schmuckstück im Bücherregal.  


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Freitag, 11. Mai 2018

Jobien Berkouwer "Summer Girls"


Lot ist Profilerin, doch seit sie aus Amsterdam in das ländliche Twente versetzt wurde, besteht ihr Job mehr daraus, entlaufene Pferde einzufangen als Mörder zu jagen. Als in einer alten Hütte eine Mädchenleiche gefunden wird, will Lot endlich zeigen, was sie kann. Sie ist sich sicher, dass sie es mit einem Serientäter zu tun haben, der wieder morden wird. Doch von ihren Kollegen will ihr keiner glauben – bis die nächste Leiche auftaucht.
„Summer Girls“ wurde von Jobien Berkouwer geschrieben, die selbst als Profilerin arbeitet, was man dem Roman positiv anmerkt. Die Geschichte ist sehr spannend geschrieben und dabei in sich vollkommen logisch und schlüssig aufgebaut. Durch Lots Täterprofil hat man als Leser immer mal wieder jemanden im Verdacht, ohne es wirklich zu fassen zu bekommen, den Polizisten geht es dabei ähnlich. Neben dem spannenden und aufwühlenden Fall muss Lot sich auch immer wieder mit ihren Kollegen und ihrem Chef auseinandersetzen, was ich auch sehr gelungen finde. Die Diskussionen und Differenzen sind nicht platt und voller Klischees, sondern spiegeln differenzierte Charaktere wieder. Dadurch erreicht einen die Geschichte als Leser auch so gut, man kann sowohl mit Lot als auch mit den anderen Figuren mitfühlen und entwickelt Verständnis für sie. Sogar beim Täter schafft es die Autorin, dass sich stellenweise Mitgefühl einstellt, denn schnell wird deutlich, dass schwere psychische Probleme zu seinen Taten geführt haben.
Jobien Berkouwers erster Thriller „Summer Girls“ ist äußerst realistisch und spannend geschrieben, mit tollen Figuren und einer mitreißenden Story. Ein großartiger Thriller von einer Autorin, die weiß, wovon sie schreibt – und das merkt man dem Buch an!

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Donnerstag, 10. Mai 2018

Martin Walker "Revanche"


Im wunderschönen Périgord wollen sich Brunos Freunde, die beiden Archäologen Horst und Clothilde das Jawort geben. Doch zuerst hält die Höhle, in der die beiden Arbeiten, Bruno in Atem. Eine Frau wird tot davor aufgefunden, anscheinend abgestürzt, während sie etwas an die Wand sprühen wollte. Das Wort ist unvollständig geblieben und schnell deutet einiges darauf hin, dass sie nicht alleine gewesen ist. War es ein Unfall oder wurde sie ermordet? Der Fall zieht schnell weite Kreise und Bruno sieht sich einem Konflikt gegenüber, der alles übertrifft, was er bisher lösen musste.
Wer einen Thriller sucht, der einen nächtelang in Atem hält, ist bei den Bruno-Krimis von Martin Walker sicher schlecht bedient. Wer jedoch einen Krimi sucht, der gesellschaftliche Konflikte wiederspiegelt und dem Leser dabei noch auf wunderbare Art Land und Leute im Périgord nahebringt, der könnte es nicht besser treffen als mit seinem wunderbaren Dorfpolizisten Bruno. Etwas gebeutelt dadurch, dass die perfekte Frau für ihn noch nicht aufgetaucht ist (beziehungsweise wieder verschwunden ist), hat Bruno dennoch einen großen Freundeskreis und viele Kontakte, die ihm bei seinen Fällen weiterhelfen. Er kennt jeden im Ort und kann so oft entscheidende Hinweise einsammeln. Das steht besonders bei diesem Fall im Vordergrund, bei dem sich sogar das Innenministerium einschaltet. Begleitet wird Bruno in diesem Band von Amélie, einen jungen Frau aus dem Justizministerium, die über die Zusammenarbeit von Bruno und der Gendarmerie recherchieren soll, um landesweite Empfehlungen zu erarbeiten. Zunächst noch skeptisch, erkennt Bruno schnell, was Amélie kann, besonders ihre Nutzung von Technik und Social Media überraschen ihn. Fast wie ein Dino fühlt er sich, angesichts des fleißig genutzten Smartphones. In diesem Fall kann sie jedoch entscheidende Hinweise liefern und auch in St. Denis fügt sie sich schnell ein. Es wird wieder viel gegessen, getrunken und gekocht und wie so oft wünscht man sich als Leser, Bruno möge einen doch auch einmal an seinen wunderbaren Tisch im Garten einladen, um all die zauberhaften und spannende Menschen kennenzulernen, die er dort stets mit gutem Essen bewirtet.
Gemeinsam mit den Lesern hat auch Bruno sich in zehn Jahren weiterentwickelt, was besonders die Zusammenarbeit mit der jungen Amélie sehr schön zeigt. Der neue Fall ist dabei einer der spannendsten und auch überraschendsten, die ich bisher von Bruno kenne und hat mich sehr begeistert. „Revanche“ ist der inzwischen zehnte Band von Martin Walker und als Leser bleibt nur zu hoffen, dass noch viele Ausflüge mit Bruno ins Périgord folgen werden. Jetzt heißt es erst einmal wieder warten auf den nächsten Band, der hoffentlich folgen wird.

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Mittwoch, 9. Mai 2018

Lois Pryce "Im Iran dürfen Frauen nicht Motorrad fahren... Was passierte, als ich es trotzdem tat"


Lois Pryce hat schon viele Touren mit ihrem Motorrad bewältigt, als ihr mitten in London jemand einen Zettel an ihr Gefährt klebt. Sie solle den Iran besuchen schreibt ein Habib, besonders seine Heimatstadt Shiraz, denn die Darstellung des Iran in den Medien und das Auftreten der iranischen Regierung spiegelten nicht die Bevölkerung wider. Nach längeren Überlegungen wagt Lois die Reise in den Iran und verwirklicht den Wunsch des Unbekannten- mit ihrem Motorrad fährt sie von der türkischen Grenze mit vielen Umwegen bis nach Shiraz und trifft dabei die unterschiedlichsten Menschen.
Lois Pryces Buch „Im Iran dürfen Frauen nicht Motorrad fahren...“ ist mehr als ein Reisebericht, es ist ein spannender und äußerst reflektierter Einblick in ein Land, dass man zumeist nur aus den Medien kennt und mit verschleierten Frauen, einer radikalen Regierung mit geistlichen Führern und dem Atomprogramm in Verbindung bringt. Doch Lois Pryce bringt dem Leser die andere Seite des Iran nahe, die unglaubliche Offenheit und Freundlichkeit der Menschen, ihre kleinen Tricks, um das Leben unter dem strengen Regime leichter zu machen, aber auch die ständige Bewachung und Kontrolle durch den Staat, der häufig in die Privatsphäre eindringt und besonders Frauen einschränkt. 
Beim Lesen entsteht unweigerlich der Wunsch, dieses abwechslungsreiche Land mit seinen unterschiedlichen Menschen kennenzulernen. Und eins zeigt die Erzählung von Lois Pryce ganz deutlich, DEN Iran gibt es nicht. Die Menschen und die Regierung sind nicht identisch, sollten nicht in einen Topf geworfen werden. Wie in allen Ländern gibt es verschiedene Bevölkerungsgruppen, Stämme und Untereinheiten, die unterschiedlich Leben und verschiedene Vorstellungen davon haben, wie es dem Iran besser gehen könnte. Doch eins hatten fast alle Menschen gemeinsam, die die Autorin getroffen hat: Sie wollten ihr die schönen Seiten ihres Landes näher bringen und zeigen, dass die Darstellung ihres Landes in den westlichen Medien nicht ausreicht. Irgendwie wirkte es oft, als wollten sie auch wieder gut machen, wie radikal ihre Regierung in der öffentlichen Diskussion auftritt und zeigen, dass sie eben anders sind.
„Im Iran dürfen Frauen nicht Motorrad fahren... Was passierte, als ich es trotzdem tat“ ist ein faszinierendes Buch über ein fremdes Land, das die meisten westlichen Zeitungsleser durch eine bestimmte, eher negative Perspektive sehen. Lois Price zeigt, dass viel mehr in diesem Land steckt, als man oberflächlich zu wissen glaubt und dass es eine Reise wert ist. Besonders die Menschen, die sie dort getroffen hat, waren diese Reise wert.

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Dienstag, 8. Mai 2018

Maja Lunde "Die Geschichte des Wassers"


Signe liebt ihre Heimat Norwegen, die Flüsse, Fjorde und Gletscher, Wasser überall. Doch sie versteht nicht, wie ihre eigene Mutter und später ihr Ex-Freund Raubbau an dieser Natur treiben können, sie ausschlachten, verändern und so langsam aber sicher zerstören. Jahrzehnte später lebt David mit seiner Tochter in Frankreich, auf der Flucht vor der Hitze, dem Wassermangel, der ganz Südeuropa im Griff hat, während die nördlichen Staaten ihre Grenzen schließen, um sich gegen die Flüchtlingsströme zu wehren. Signes Angst war berechtigt – der Mensch hat seine eigene Lebensgrundlage zerstört.
„Die Geschichte des Wassers“ ist nach dem Bestseller „Die Geschichte der Bienen“ der zweite Roman von Maja Lunde, in dem sie sich mit der Veränderung der Welt durch den Menschen und die furchtbaren Folgen, die dies haben könnte, auseinandersetzt. Wasser ist unser Lebenselixier, ohne haben wir keine Überlebenschance und dies zeigt die Autorin sehr deutlich am Beispiel von David. Flüchtlingscamps wie wir sie heute aus dem Fernsehen kennen, aus Syrien oder dem Sudan, vielleicht auch noch aus Griechenland, gibt es haufenweise in ganz Europa, die Menschen mussten ihre Heimat verlassen. Spanien ist eine Wüstenregion geworden und Südfrankreich wird von Bränden im Griff gehalten, kein Mensch kann dort mehr Leben, alles riecht nach Rauch, ein Funken reicht, um riesige Regionen völlig zu zerstören. Lunde greift ein hochaktuelles Thema auf und verarbeitet es in einem sehr spannenden und kurzweiligen Roman, der hoffentlich mehr Aufmerksamkeit auf das Thema lenkt. Ihre Hauptfiguren faszinieren einen beim Lesen, ihre Sorgen und Ängste sind auf völlig verschiedene Art und Weise existentiell und packen einen als Leser und lassen einen nicht mehr los. Gerade bei David sprechen Angst und Verzweiflung aus jedem Satz, aus jeder Handlung, die völlige Ausweglosigkeit der Situation treibt einem beim Lesen Schauer über den Rücken. Denn wo sollen sie hin, wenn es nach Norden einfach nicht weitergeht und hinter ihnen nur verbrannte Erde zurückbleibt?
Maja Lunde bringt den Lesern in „Die Geschichte des Wassers“ ein hochaktuelles und brisantes Thema auf spannende Weise nahe. Ihre Figuren bewegen einen als Leser sehr, ihre Geschichten brennen sich ein und machen hoffentlich Aufmerksam darauf, dass Davids Geschichte noch Fiktion ist, aber keine Fiktion bleiben wird, wenn die Menschen weiter so mit der Natur umgehen, in der sie leben.


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