Freitag, 18. November 2022

Leïla Slimani "Schaut, wie wir tanzen"

 

Die Geschichte von Mathilde, einer Französin die sich in einen marokkanischen Soldaten verliebte und ihm nach dem Zweiten Weltkrieg in seine Heimat folgte, geht in diesem Roman weiter. Doch hauptsächlich geht es weiter im Leben ihrer Kinder, die inzwischen erwachsen sind und ganz eigene Erfahrungen sammeln, während Mathilde und Armine Belhaj auf ihrer Farm leben, Matilde verbittert und am Ende ihrer Kräfte wie es scheint, Armine ehrgeizig und fordernd wie eh und je.

Leïla Slimanis Sprache ist derart eindrucksvoll und poetisch, dass ihre Geschichten einen im tiefsten Inneren erreichen müssen. Matildes Tochter Aicha kehrt zurück vom Medizinstudium in Frankreich und trifft auf eine eingefrorene Welt, in der nichts veränderbar zu sein scheint, in der alles bleibt, wie es war. Doch sie lernt auch die Freiheit kennen und die Aufbruchsstimmung einer Jugend, die das Land verändern will. Dieser Widerspruch zwischen ihren Erfahrungen in der Familie und denen mit Freunden in der Großstadt macht die Geschichte so unglaublich interessant. Slimani zeigt eindrücklich die Zerrissenheit dieses Landes, das nach den Jahren des französischen Kolonialismus seine Unabhängigkeit erreicht und dennoch auf der Suche nach dem richtigen Weg ist. Während Aicha die ordentliche Studentin ist und lernt, driftet ihr Bruder Selim völlig ab in Affären und Drogenexzesse, er zerbricht regelrecht am Vorbild seines Vaters, der ihn mit scheinbar unerfüllbaren Erwartungen überlastet.

Die Romane von Leïla Slimani sind immer einmalig, sie stechen hervor und sind mit nichts vergleichbar. Sie begeistert mich mit einer wunderschönen Sprache und einer Beobachtungsgabe, die die Figuren in echte Menschen zu verwandeln scheint. „Schaut, wie wir tanzen“ ist ein phänomenaler Roman, voller widersprüchlicher echter Figuren und Geschichten, die so gut erzählt sind, dass sie vor dem eigenen Auge wirklich stattzufinden scheinen- einmalig schön und bewegend.

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Hier geht es zu weiteren Informationen des Luchterhand Literaturverlags. Das Buch wurde über das Bloggerprogramm der Verlagsgruppe Penguin Random House als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. 

Sonntag, 13. November 2022

Gordon Tyrie "Schottenkomplott"

 

Hynch hat sich nach seiner Karriere als Auftragskiller auf eine kleine Hebrideninsel zurückgezogen, um dort seinen Ruhestand zu genießen und hoffentlich nie gefunden zu werden. Doch das gelingt ihm nicht, nach einem letzten verpatzten Auftrag soll er von einer Konkurrentin umgebracht werden. Und das alles, während er seit langer Zeit endlich wieder ins Dating einsteigen will, so muss er hinter jedem Date seine Killerin vermuten. Beobachtet und kommentiert wird das alles von Thin Lizzy, einem Highland-Rind, dass sin der Tiertherapie arbeitet und dort Hynchs Bezugstier ist.

Angepriesen als Cosy-Krimi, also ein etwas gemächlicherer Krimi vor schöner Kulisse, hatte ich mich auf das Buch gefreut. Ich bin ein großer Fan von den französischen Reihen „Madame le Commissaire“ und „Bruno Chef de Police“, die ebenfalls oft das Leben der Leute in den Vordergrund stellen und den Kriminalfall auch mal in den Hintergrund treten lassen. Doch dieser Roman war mir dann doch deutlich zu „cosy“, es passiert nämlich die meiste Zeit einfach gar nichts. Das Leben plätschert dahin, ohne berichtenswerte Geschehnisse und so nett die kleinen Beiträge der Tiere dazu auch sind, schaffen sie es nicht, die Handlung am Laufen zu halten. Nach über der Hälfte des Buches hatte ich das Gefühl, dass der Plot noch kein Stück weiter gekommen war und die Figuren immer noch blass und beliebig waren. Die Charaktere haben zu wenig spezielle Eigenheiten und werden zu wenig beschrieben, um die Handlung wirklich voranzubringen, so dass einfach die ganze Zeit alles vor sich hin plätschert.

Für mich war „Schottenkomplott“ von Gordon Tyrie leider eine totale Enttäuschung, ein Buch mit viel zu wenig Handlung und ohne Entwicklung der Figuren. Wer sich für die Landschaftsbeschreibung der Hebriden interessiert, kommt hier zumindest passagenweise auf seine Kosten, ansonsten kann ich das Buch leider nicht empfehlen.

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Hier geht es zu weiteren Informationen der Verlagsgruppe Droemer Knaur. 


Donnerstag, 10. November 2022

Sabine Bohlmann / Kerstin Schoene "Der kleine Siebenschläfer. Eine Schnuffeldecke voller Gutenachtgeschichten"

 

Es ist schon aufregend, wenn ein Freund bei einem übernachten darf. Und so strengt der kleine Siebenschläfer sich besonders an, alles schön zu machen für die Haselmaus. Doch es hilft nichts, ohne Gute-Nacht-Geschichte kann die Haselmaus nicht einschlafen. Und so macht sich der Siebenschläfer auf den Weg durch den Wald, um die perfekte Geschichte für seinen Freund zu finden.

 Dieses Vorlesebuch für kleine Kinder ist absolut gelungen. Unser Sohn liebt die Geschichten, die alle sehr liebevoll geschrieben sind und immer einen schönen Hintergrund mitbringen. Ohne es zu merken, sammelt der Siebenschläfer durch seine Erlebnisse unglaublich viele Geschichten, die Freude machten und zeigen, dass Freundschaft, Zusammenhalt und Unterstützung unglaublich wichtig sind.

„Eine Schnuffeldecke voller Gutenachtgeschichten“ ist ein sehr schönes Vorlesebuch, empfohlen für Kinder ab vier Jahren. Bei uns ist das Buch aber auch für einen dreijährigen schon jeden Abend dabei und darf nicht fehlen.

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Hier geht es zu weiteren Informationen des Verlags Thienemann- Esslinger.


Montag, 7. November 2022

Petros Markaris "Verschwörung"

 

Kostas Charitos ermittelt dieses Mal unter ganz besonderen Bedingungen: Die Corona-Pandemie hält die Welt und damit auch Athen in Atem, das öffentliche Leben ist zum Erliegen gekommen und auch privat passt die Familie Charitos sehr auf, dass sich niemand ansteckt. Mitten in dieser Situation startet die „Bewegung der Selbstmörder“ ihre Aktivität. Alte Menschen, die sich das Leben nehmen, weil sie keine Hoffnung mehr sehen und damit zum politischen Widerstand aufrufen wollen. Für Kostas Charitos beginnen schwierige Ermittlungen, schließlich ist Selbstmord an sich nicht strafbar. Doch es beginnt Unruhe zu sähen und so muss die Polizei die Lage irgendwie in den Griff bekommen.

Die Krimis von Petros Markaris mit seiner Hauptfigur Christos Karitos haben einen ganz eigenen Charme und Tonfall, der mir immer wieder gut gefällt. Mit einer Behäbigkeit, die man nicht unterschätzen sollte, meistert Karitos Privatleben und Beruf auf unnachahmliche Weise. Die Situation der Pandemie in diesem Krimi darzustellen, finde ich sehr gelungen und auch mutig, denn viele Autorinnen und Autoren scheinen davor zurückzuschrecken, ihren Geschichten diesen hochaktuellen und auch sehr realistischen Bezug zu geben. Inzwischen leben wir seit fast drei Jahren mit der Pandemie, zwar hat sich der Umgang gewandelt, doch der Einfluss auf das Leben der Menschen ist groß und so darf es sich meiner Meinung nach auch gerne in der fiktionalen Literatur wiederspiegeln.

Petros Markaris schafft es mit seinem ganz besonderen Stil, das wahre Leben in der Pandemie mit einem sehr spannenden und aktuellen Kriminalfall zu verbinden und damit einen großartigen und sehr mitreißenden Krimi zu schaffen. Mir hat das Buch außerordentlich gut gefallen und wie immer warte ich jetzt sehnsüchtig auf den nächsten Band, um wieder in das Leben des Griechen Christos Karitos und seiner Familie eintauchen zu dürfen.

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Hier geht es zu weiteren Informationen des Diogenes Verlags.

Das Buch wurde vom Verlag als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. 


Donnerstag, 3. November 2022

Gisa Pauly "Café Hoffnung. Sylt-Saga"

 

Nach anstrengenden Jahren hat sich mit Brit mit Olaf auf Sylt ein Leben aufgebaut, sie führen mehrere Cafés und Hotels sehr erfolgreich. Ihre Tochter Kari ist inzwischen erwachsen, doch will sich nicht in ihr Leben einfügen. Sie rebelliert gegen die Spießigkeit ihrer Eltern, nimmt Drogen und heiratet den Modedesigner Mike Heiser, um ein sorgloses Leben führen zu können. Doch ihr Leben wird nicht so unbeschwert und einfach wie erhofft und es geschieht einiges, was sie zum Umdenken bringt.

Während der erste Band in den 50er und 60er Jahre spielte und es um Brits ungeplante Schwangerschaft und ihre Zeit als junge Mutter ging, legt die Autorin Gisa Pauly den Schwerpunkt in diesem Teil der Sylt-Saga auf Brits Tochter Kari und die 80er Jahre. Der Zeitsprung macht das ganze so besonders spannend, denn man hat nicht Karis gesamtes Aufwachsen miterlebt und sondern schaut jetzt wie durch ein Vergrößerungsglas auf einen bestimmten Lebensabschnitt von ihr. Sie hadert mit dem Leben und den Plänen, die ihre Eltern für sie haben eigentlich ganz genau wie früher ihre Mutter mit ihren Eltern. Nur dass es nicht so existenziell ist, wie der Verlust des eigenen Kindes sondern „nur“ um Selbstverwirklichung geht. Gisa Pauly beschreibt die Lebensgeschichte von Kari genauso spannend und berührend wie die von Brit und so ist man schnell wieder auf Sylt und taucht ein in die Lebensgeschichten dieser unterschiedlichen Frauen.

„Café Hoffnung“ von Gisa Pauly ist wieder ein sehr gelungenes Buch, das eine bewegt und schnell mitnimmt. Der Zeitsprung zwischen den beiden Bänden der Sylt-Saga hat mir besonders gut gefallen, man blickt immer nur auf einen Ausschnitt des Lebens von Brit und Kari, eine sehr schöne Idee der Autorin.

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Hier geht es zu weiteren Informationen des Heyne Verlags. Das Buch wurde über das Bloggerportal der Verlagsgruppe Penguin Random House als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.


Dienstag, 1. November 2022

Marie Lacrosse "KaDeWe. Haus der Träume"

 

Das KaDeWe ist ein echtes Haus der Träume, hier gibt es alles, was das Herz begehrt und für viele war und ist es einfach unerreichbar, dort einzukaufen. Rieke Krause, die aus ärmlichsten Verhältnissen stammt und mit viel Mühe Anfang des 20. Jahrhunderts eine Arbeit als Aushilfskassiererin bekommt, ist begeistert von ihrem Arbeitsplatz. Doch auch Judith Bergmann, Tochter des Firmenjustiziars, genießt gern die Träumereien im KaDeWe. Beide Frauen könnten unterschiedlicher kaum sein, doch sie verbindet die Liebe zum KaDeWe und der Kampf für ein besseres Leben. Die Geschichte holt die beiden ein, der Erste Weltkrieg und die verrückten 20er Jahre mit der Hyperinflation stellen die Welt und ihr Leben auf den Kopf. Alles und Nichts scheint plötzlich möglich zu sein.

Marie Lacrosse ist eine meiner absoluten Lieblingsautorinnen und mit ihrem neuen Roman „KaDeWe. Haus der Träume“ hat sie sich wieder selbst übertroffen. Unfassbar gut recherchiert, detailliert geschrieben und viel Liebe zu den Figuren nimmt einen die Geschichte von der ersten Seite an mit und lässt einen nicht wieder los. Man merkt den Geschichten an, wieviel Zeit Lacrosse in das Sammeln von Hintergrundinformationen gesteckt hat, um den Roman so echt und genau wie möglich zu schreiben. Die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts waren eine Mischung aus exzessiver Party und völliger Armut und Verzweiflung, diesen Gegensatz schafft die Autorin großartig darzustellen mit ihren unterschiedlichen Charakteren aus den verschiedenen Gesellschaftsschichten. Auch die Geschichte der Warenhäuser und ihr großer Aufstieg mit Wertheim, Tietz und den Häusern von Adolf Jandorf wird beschrieben, doch auch die bereits aufsteigende Bedrohung durch die Nazis und den Antisemitismus.

Wer einen hervorragend recherchierten historischen Roman ohne Kitsch sucht, ist beim „KaDeWe. Haus der Träume“ genau richtig. Umso schöner, dass dies der Auftakt zu einer neuen Reihe ist und man sich schon auf den zweiten Band und ein Wiedersehen mit Rieke und Judith freuen darf.

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Das Buch wurde vom Verlag als kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Hier geht es zu weiteren Informationen des Goldmann Verlags.