Donnerstag, 24. November 2011

Inka Parei "Die Kältezentrale"


„Wie soll man die Zeit, in der man noch sehr jung war, begreifen, wenn die Bedingungen, unter denen man einmal gelebt hat, nur noch in der eigenen Erinnerung existieren? Wie entkommt man unter solchen Umständen, dem Gefühl, dass es nicht um das frühere Leben handelt, sondern um ein ganz anderes? Und wer ist man mit einem auf diese Art fragmentierten Leben?“ (S. 157) 
Diesen Fragen geht der Protagonist in Inka Pareis neustem Roman „Die Kältezentrale“ nach. Ein Anruf aus der Vergangenheit scheint es zu sein, als seine frühere Frau ihn kontaktiert und ihn bittet, zurück nach Berlin zu kommen, das er 1987 verlassen hat. Sie ist schwer krank und drängt ihn herauszufinden, ob der LKW in dem sie sich vor Jahren für ein paar Stunden versteckt hat und der aus der Ukraine kram, verstrahlt gewesen ist. Nur so könne sie richtig behandelt und viellicht noch gerettet werden. Die Reise nach Berlin zwingt die Figur, sich mit seiner eigenen Vergangenheit  auseinandersetzen, er beginnt Menschen von früher aufzusuchen und erinnert sich an seine Arbeit in der Kältezentrale des „Neuen Deutschland“.
„Ich schämte mich dafür, hier gearbeitet zu haben. Dass ich nur Handwerker gewesen war, nicht verantwortlich für Inhalte, spielte in diesen Zusammenhang keine Rolle. Der Grund für mein Gefühl war nicht der Umstand, dass ich einem politischen System, das heute weitgehend abgelehnt wird, so nahe war. Sondern dass ich diese Tatsache damals nicht begriffen hatte. Ich war Teil von etwas gewesen, ohne zu verstehen, was es war, und ohne den geringsten Anlass zu sehen, darüber nachzudenken; so wie Kinder mit der Umgebung , in der sie aufwachsen, eins sind, sie für das Normale halten.“ (S. 44) 
Die Geschichte des Protagonisten spielt auf unterschiedlichen Zeitebenen und springt scheinbar wahllos hin und her zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart. Man muss als Leser aufmerksam bleiben und ist manchmal zu Beginn eines Absatzes etwas irritiert, weil nicht gleich klar ist, wo man sich mit dem Charakter befindet. Doch gleichzeitig ist diese Irritation sinnbildlich für die ganze Geschichte, denn genauso unsicher steht auch die Hauptfigur von Inka Parei vor ihrer Vergangenheit, die sich einer Einordnung so völlig entzieht. Sichere Erinnerung und das Glauben, etwas sei passiert, verschwimmen und geben der Figur das Gefühl, ein Doppelgänger habe damals gelebt, ein anderer Mensch und vielleicht doch ein bisschen er selbst. Diese Zerrissenheit transportiert Inka Parei sowohl in der Sprache als auch der gesamten Konstruktion des Romans auf eine ganz besondere Art und Weise. 
Ein großartiger Roman über die Auseinandersetzung mit eigenen Vergangenheit und die Angst vor dem, was man dabei entdecken kann. 

Sonntag, 20. November 2011

Anne Laureen "Sonne über Wahi-Koura"


Als Helena de Villiers ihren Mann bei einem Flugzeugabsturz verliert und ihr Weingut durch einen Reblausbefall ruiniert ist, beschließt sie zur ihrer Schwiegermutter nach Neuseeland zu ziehen. Doch als sie dort nach der langen Schiffsreise ankommt, muss sie feststellen, dass sie alles andere als freudig erwartet wird und ihre strenge Schwiegermutter Louise sie ausschließlich duldet, weil sie schwanger ist. Nur schwer können diese beiden eigenwilligen Frauen sich aneinander gewöhnen, während sie gemeinsam gegen die Feinde des Weinguts der de Villiers kämpfen: Ein hinterhältiger Banker aus Napier versucht mit allen Mitteln, ihnen ihr Land wegzunehmen. 
Die Geschichte aus „Sonne über Wahi-Koura“ erinnert ein wenig an den erste Roman von Anne Laureen, eine junge Frau verlässt Deutschland um in Neuseeland einen Neuanfang zu starten. Doch genau wie mit „Sterne über Tauranga“ ist ihr auch dieses Mal ein sehr schöner historischer Roman über starke Frauen in einer eigentlich noch von Männern dominierten Welt gelungen. Die Figuren sind gut gezeichnet, haben starke Charakterzüge und bleiben nicht bei oberflächlichen Klischees stehen. Der Stil ist sehr flüssig und die Sprache bilderreich, so das man als Leser schnell in die Welt der Hauptfiguren gezogen wird und ihrem Leben folgt. Dabei bleibt aus, was mir oft bei sehr langen historischen Romanen mit seitenweise Landschaftsschilderung passiert: Ich bin nicht versucht, schnell zwei Seiten zu überblättern, weil ich das Gefühl habe, dass dort sowieso nichts passiert. Die Geschichte ist so kompakt geschrieben, dass keine unnötigen Längen entstehen. 
Ein sehr gutes Buch für kalte lange Winterabende bei einer Kanne Tee, wer auf eine anspruchsvolle und unerwartete Story hofft, wird jedoch enttäuscht sein.

Josh Bazell "Einmal durch die Hölle und zurück"


Pietro Brwna, ein ehemaliger Mafiakiller, arbeitet und einem Decknamen als Arzt an Bord eines Kreuzfahrtschiffs- so gut es eben geht mit einem sehr fragwürdigen Universitätsabschluss und einer Weiterbildung in Zahnheilkunde per Youtoube-Videos. Doch mit diesen halbwegs entspannten Leben ist es vorbei, als er für einen amerikanischen Milliardär gemeinsam mit der Paläontologin Violet Hurst auf die Jagd nach einem Seeungeheuer geschickt wird. Als sie herausfinden, dass dort in letzter Zeit bereits vier Menschen zu Tode gekommen sind, machen sie sich auf die Suche nach den vermeintlichen Mördern- denn an ein Seeungeheuer glauben sie beide nicht.
„Einmal durch die Hölle und zurück“ ist zweite Roman von Josh Bazell, sein Debüt „Schneller als der Tod“ stand lange auf den Bestsellerlisten und ist der inhaltliche Vorläufer zu diesem Krimi. Doch auch ohne Kenntnis des ersten Romans kann man der Handlung problemlos folgen. Der Stil des Autors ist äußerst unterhaltsam und hebt sich positiv von den meisten bekannten Krimiautoren ab, er ist sehr direkt, teilweise fast brutal und gleichzeitig unterlegt mit einer Menge bitterbösem schwarzem Humor. So wird die anfänglich etwas alberne Jagd nach einem Seeungeheuer gemäß Nessie in Schottland schnell zu einem spannenden Krimi mit höchst eigenartigen Charakteren, wie beispielsweise den Organisator dieser Abenteuertour Reggie Trager, dessen Motive ziemlich fragwürdig scheinen. Pure wissenschaftliche Neugier scheint es nicht zu sein, die ihn zu dieser Reise an den See treibt. Und auch der ein oder andere Prominente begibt sich mit auf die Suche nach dem Urzeitmonster, was beim Leser für einige Lacher sorgen dürfte.
„Einmal durch die Hölle und zurück“ ist ein gutes Buch für jeden, der keinen klassischen Krimi mit klarer Rollenverteilung sucht, sondern der von einem Buch neben Spannung auch Witz und eine gewisse Einzigartigkeit erwartet. Das ist Josh Bazell definitiv gelungen. 

Samstag, 19. November 2011

Mängelexemplare

Ich habe mal wieder einen neuen Buch-Kauf-Rekord aufgestellt: Zehn Minuten Zeit zum Umsteigen an einem Bahnhof reichen völlig aus, um noch einmal schnell einen Blick in Buch- und Zeitschriftenladen zu werfen und sich auf den Tisch mit Mängelexemplaren zu stürzen. Diese Tische sind wirklich immer eine Katastrophe, meistens schon komplett durchgewühlt oder von den Mitarbeitern mit viel Liebe so sortiert, dass die Buchrücken garantiert NICHT einfach lesbar sind. So habe ich mich also in der kurzen Zeit nur durch die erste Reihe Bücher arbeiten können, aber es hat gereicht um mein Bücherregal ein klein wenig weiter zu füllen:  

Simon Beckett "Leichenblässe"

Dr. Hunter ist zurück. Bei seinem letzten Einsatz ist David Hunter nur knapp dem Tode entronnen. Nicht vollständig genesen, quält ihn die Frage, ob er seinem Beruf noch gewachsen ist. Bis ein alter Freund den Forensiker um Hilfe bittet: In einer Jagdhütte in den Smoky Mountains wurde ein Toter gefunden. Die Leiche ist bis zur Unkenntlichkeit zersetzt. Die Spuren sind widersprüchlich. Und David Hunter ist im Begriff, einen folgenschweren Fehler zu begehen.

Mittwoch, 16. November 2011

Neu auf dem Bücherstapel

Heute hat es ein neues Buch in mein Regal geschafft- besser neben mein Regal, denn in das Regal passt momentan nichts!

Anne Enright "Anatomie einer Affäre"


Ein kurzer Moment, ein Blickwechsel auf einer Gartenparty- und schon ist der Grundstein gelegt zu einer aufregenden Affäre voller Leidenschaft und Glück. Doch was passiert, wenn aus der heimlichen Liebe Alltag wird?

Dienstag, 15. November 2011

Stefan Schwarz "Hüftkreisen mit Nancy"


Max ist Anfang vierzig und steckt in einer Krise. In seinem Job wird er beurlaubt, weil er angeblich zu viele Witze mit sexuellen Anspielungen seiner Kollegin gegenüber macht und seine Frau findet ihn längst nicht mehr so toll wie früher. Eigentlich leben die beiden nur noch nebeneinander her. Max steckt voll in einer Midlife Crisis und meldet sich in einem Fitnessstudio an, stemmt Gewichte und beobachtet die hübsche Frau am Empfang, die er zu gerne einmal tanzen sehen würde. 
Ich hatte viel Gutes von dem Buch gehört, es sei witzig, intelligent, sehr unterhaltsam. Leider kann ich dem aus meiner Sicht nicht zustimmen, ich habe mich bei der Lektüre schlicht und einfach gelangweilt und mich am Ende geärgert, die Zeit mit dem Lesen dieses Buches verschwendet zu haben. Die Geschichte hat sich für mich überhaupt nicht entwickelt, hatte keinen Schwung und plätscherte ohne jegliche Dynamik dahin. An vielen Stellen hab ich mich über die zahlreichen Klischees geärgert, die von dem Autor verbraten werden, was dazu führte, dass der Protagonist eher nervt als unterhaltsam wirkt.
Ich war wirklich enttäuscht von dem Buch und hatte mehr erwartet. Ich kann mir gut vorstellen, dass die Kolumnen des Autors sehr unterhaltsam sind, aber ausgebreitet auf 250 Seiten war es einfach anstrengend. 

Horst Eckert "Schwarzer Schwan"


Die Bankerin Hanna Kaul ist kurz davor, einen Milliardendeal unter Dach und Fach zu bringen, als dieser plötzlich vom Vorstand der Bank abgesagt wird. Sie beginnt zu recherchieren und kommt hinter die fragwürdigen Machenschaften ihres Chefs. Gleichzeitig verschwindet ihre Nichte Leonie und eine Finanzlobbyistin aus Berlin wird während eines Besuchs in Düsseldorf ermordet. Was haben all diese Dinge miteinander zu tun? Der Polizist Dominik Roth glaubt nicht an einen einen Zufall und macht sich daran, den Zusammenhang zwischen als diesen Fällen herzustellen. Durch sein unkonventionelles Vorgehen, steht er jedoch schnell selbst unter Verdacht, etwas mit den Verbrechen zu tun zu haben.
„Schwarzer Schwan“ ist ein spannender Thriller, der hochaktuelle Bezüge zur Finanzkrise und zum Unglück von Fukushima aufgreift. Horst Eckert beschreibt das Postengeschacher und Kaufen von Stimmen auf höchster politischer Ebene, ein Hin- und Hergeschiebe von Positionen und Posten für Geld und Macht. Der Plot wird dabei in verschiedene Erzählstränge aus unterschiedlichen Perspektiven aufgeteilt, der Leser erhält Informationen über den Bundestagsabgeordneten Mierscheid, den Polizisten Dominik Roth und die Bankerin Hanna Kaul. In kurzen Absätzen wird die Geschichte von Leonie eingeschoben. Sie ist die einzige, die als Ich-Erzähler auftritt und den Leser so ganz nah mitnimmt in ihr dunkles Kellerloch, in dem sie gefangen gehalten wird. Gerade diese Abschnitte lassen es einem manchmal kalt den Rücken runterlaufen, so sehr hofft man mit Leonie auf eine baldige Freilassung. 
Auch ohne die Aktualität dieses Romans wäre Horst Eckert ein spannender Thriller gelungen, doch durch die Verbindungen zur Atom- und Finanzlobby wird es ein großartiges Buch, das man nicht mehr aus der Hand legen kann, wenn man einmal angefangen hat.