Freitag, 26. Mai 2017

Gail Honeyman "Ich, Eleanor Oliphant"

Selten habe ich so ein bewegendes und voller Liebe zur Hauptfigur steckendes Buch gelesen wie „Ich, Eleanor Oliphant“. Eleanor ist anders als alle Menschen, die sie kennt. Sie geht nicht aus, sie macht keinen Smalltalk, sie hat keine Freunde. Sie ist der einsamste Mensch, den man sich wohl vorstellen kann, doch sie kennt es gar nicht anders. Als Eleanor sich jedoch verliebt, kommt sie ganz langsam aus ihrem Schneckenhaus hervor und stellt sich der Welt, die so beängstigend für sie ist.
Eleanor Oliphant ist ein besonderer Mensch mit besonderen Erwartungen an das Leben und die Menschen, die sie trifft. Warum das so ist, sollte jeder Leser selbst langsam herausfinden. Gail Honeyman führt einen langsam an Eleanor heran und obwohl sie so speziell ist, wächst sie einem ans Herz und lässt einen von der ersten Seite an nicht mehr los. Man muss sich auf ihre Weltsicht einlassen und akzeptieren, dass man eben erst einmal nicht weiß, warum sie zu diesem Menschen geworden ist. Stück für Stück entblättert sich dann vor einem das unglaubliche Leben von Eleanor Oliphant und wie es sie in diese Situation getrieben hat. Sie scheint völlig unfähig zur Kommunikation und wird von allen als verrückt und schrullig wahrgenommen, was sie nicht so ganz versteht, aber akzeptiert. Auf unglaublich anrührende Weise beschreibt die Autorin, wie sie sich Stück für Stück in die Welt hinauswagt, wie ein Kind, das erstmals alleine läuft wirkt es fast. Dabei steht ihr zum Glück ein Mensch zur Seite, der ihr zeigt, was Freundschaft eigentlich bedeutet und dass man einen Menschen mögen kann, ohne Vorbehalte und ohne Gegenleistung. Eine völlig neue Erkenntnis für das zerstörte kleine Herz von Eleanor Oliphant.

Meiner Meinung nach ist Gail Honeyman mit „Ich, Eleanor Oliphant“ ein ganz außergewöhnliches Buch gelungen, das lange in einem nachhallt und einen beim Lesen völlig mitreißt. Ich werde Eleanor Oliphant sicher nicht so schnell vergessen und sie sollte allen Lesern eine Mahnung dafür sein, dass man Menschen eben nicht in Schubladen stecken sollte, ohne sie zu kennen, den jeder hat seine ganz eigene Geschichte. 

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Mittwoch, 24. Mai 2017

David Duchovny "Ein Papagei in Brooklyn"

Ted arbeitet trotz Abschluss an einem Elitecollege als Erdnussverkäufer im Stadion, während er versucht, nebenbei einen Roman zu schreiben. Zu seinem Vater Marty hat er ein zerrüttetes Verhältnis und seit dem Tod seiner Mutter fast keinen Kontakt mehr. Doch als er erfährt, dass sein Vater Lungenkrebs im Endstadium hat, kümmert er sich um ihn und die beiden müssen lernen, sich zusammenzuraufen.
David Duchovny hat mit „Ein Papagei in Brooklyn“ eine sehr warmherzige und ergreifende Geschichte über eine äußerst schwierige Vater-Sohn-Beziehung geschrieben. Ganz langsam beschreibt er, wie die beiden mit der Zeit viel Unausgesprochenenes aus dem Weg räumen und sich wieder annähern. Schnell zeigt sich, dass sowohl Ted als auch Marty keine einfachen Persönlichkeiten sind, sie sind stur, nachtragend und manchmal angriffslustig. Gerade ihre Ähnlichkeiten in diesen Charakterzügen macht ihr Verhältnis so schwer, denn keiner mag so richtig auf den anderen zu gehen. In Ihrer Unsicherheit und Verletzlichkeit gehen beide lieber zum Angriff über, als offen zu reden. Dass es da Zeit braucht, sich anzunähern, ist nur verständlich und Duchovny versteht es ausgezeichnet, diese Annäherung in kleinen wie großen Gesten darzustellen. Der Schreibstil des Autors hat mich am Anfang ein wenig irritiert, doch nach den ersten Seiten kommt man schnell in einen Lesefluss und die Geschichte lässt sich flüssig lesen. Es braucht etwas Zeit, Teds Gedanken zu verstehen, die so auf einen einprasseln, umso mehr wachsen er und sein Vater einem aber ans Herz.
„Ein Papagei in Brooklyn“ – so fühlen sich die beiden manchmal, völlig fehl am Platz, unnütz, nicht wissend, wohin sie gehören. David Duchovny beschreibt die Aufarbeitung dieser Vater-Sohn-Beziehung mit viel Gespür für Zwischentöne und kleine Momente, bei denen aber der Humor keinesfalls zu kurz kommt. Ein sehr schönes Buch, das gleichzeitig unterhält, bewegt und nachdenklich macht. 

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Hier geht es zur Leseprobe und weitere Informationen des Verlags Heyne Encore. 

Dienstag, 23. Mai 2017

Krischan Koch "Backfischalarm"

Thies Detlefsens Töchter Telje und Tatje fahren mit der 10. Klasse ihres Gymnasiums auf Klassenfahrt nach Amrum. Doch schon auf der Überfahrt während eines Unwetters passiert auf der Fähre ein Mord und so muss Thies seinen Töchtern zügig hinterher, um zu ermitteln. Unterstützt wird er dabei im altbewährten Team von seiner Kollegin Nicole Stappenbeck aus Kiel. Bei seiner Frau Heike reicht das, um in ständiger Eifersucht auf die Kommissarin aus der Großstadt ständig bei Thies anzurufen, was nicht zum freundlichen Umgang miteinander beiträgt. Auch die bekannten Fredenbüller Größen aus der „Hitten Kist“ sind im neuen Buch von Krischan Koch wieder mit dabei. Die Ermittlungen könnten also auch im inzwischen fünften fredenbüller Krimi wieder äußerst turbulent werden.
Krischan Koch setzt in „Backfischalarm“ auf sein bewährtes Konzept von spannendem Mordfall und skurrilen Personen, was auch in diesem Fall wieder großartig aufgeht. Inzwischen sind mir Piet Paulsen, der Schimmelreiter und Imbissbesitzerin Antje richtig ans Herz gewachsen und mit dem Babysitten bei Nicoles Sohn Finn stellen sich ihnen bei diesem Fall durchaus neue und ungewöhnliche Aufgaben. Bei allem witzigen und abwegigen Umfeld fand ich den Kriminalfall an sich aber wieder sehr spannend gestrickt und nachvollziehbar, auch wenn Thies‘ ungeschicktes Auftreten die Ermittlungen oft eher erschwert als sie voranzubringen. Das weiß auch Nicole, die ihn dann regelmäßig zurechtweisen muss, was das Verhältnis der beiden schon sehr gut beschreibt.

Krischan Kochs Inselkrimi „Backfischalarm“ ist ein spannender und lustiger Krimi mit viel Lokalkolorit und tollen eigenständigen Charakteren, die die Story am Laufen halten. Die Lektüre macht immer wieder Spaß und ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Krimi aus Fredenbüll. 

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Hier geht es zu weiteren Informationen und der Leseprobe des dtv Verlags. 

Montag, 22. Mai 2017

Kerstin Gier "Die Braut sagt leider nein"

Elisabeth hat das Gefühl, endlich Glück zu haben. Ihr Alex ist ein echter Traummann, endlich will er sie auch heiraten und gemeinsam bauen sie sich ihr Traumhaus auf einem Grundstück, das Elisabeth geerbt hat. Doch als der Architekt und Traummann immer mehr Zeit auf einer Großbaustelle verbringt, während sie mit Hochzeitsstress und Baustelle alleine zurückbleibt, kommen doch leichte Zweifel auf, ob der Traummann wirklich so ein Traum ist. Als sie dann erfährt, dass er neben der Großbaustelle auch noch viel Zeit für eine junge Praktikantin aufwendet, beschließt Elisabeth, ihm die Lektion seines Lebens zu verpassen- direkt bei der Hochzeit.
Kerstin Giers Roman „die Braut sagt leider nein“ ist typisch für die Autorin eine leichte und humorvolle Geschichte über eine Frau auf der Suche nach der großen Liebe. Gesprochen wird dieses Hörbuch von Irina von Bentheim, die schon zahlreiche Hörbücher eingesprochen hat und auch Elisabeth mit ihrer ganz eigenen Art eine tolle Stimme verleiht. Auch wenn sie etwas naiv durchs Leben stolpert, ist Elisabeth sympathisch und man steht bei der Geschichte voll und ganz auf ihrer Seite. Etwas schade finde ich, dass die Autorin mit dem Titel des Buches schon fast den ganzen Clou des Romans verrät, man weiß von Anfang an wie es ausgeht. Das hat mich beim Hören schon etwas gestört, ansonsten ist Kerstin Gier wie immer eine Garantin für lustige Frauengeschichten, die nicht tiefgehend sind, aber unterhalten.

„Die Braut sagt leider nein“ ist eine sehr amüsante Geschichte, die toll eingesprochen wurde von Irina von Bentheim und die mit etwas über fünf Stunden Hörzeit auch für alle geeignet ist, die weniger Zeit für Hörbücher haben. 

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Freitag, 19. Mai 2017

JP Delaney "The Girl Before- Sie war wie du. Jetzt ist sie tot.

Es ist ein hochmodernes Haus mit vielen Eigenarten, in das Emma mit ihrem Freund Simon einzieht. Doch nach einem Einbruch in Ihre Wohnung bietet es eine Menge Sicherheit und so ist sie bereit, die zahlreichen Auflagen des Vermieters, die vollständig in ihr Privatleben eindringen, zu akzeptieren. Jahre später zieht mit Jane eine andere Frau in das gleiche Haus, ebenfalls auf der Suche nach Ruhe und Geborgenheit. Doch Stück für Stück erfährt sie mehr über Emma, die ihr so ähnlich gewesen sein soll – und in dem Haus zu Tode kam.
„The Girl Before“ von JP Delaney hat ein sehr eindringliches und gruseliges Grundkonzept, denn die Geschichte von Emma und Jane wird immer im Wechsel erzählt. Dadurch sind wir Jane als Leser immer ein Stück voraus und die Spannung packt einen, da einem immer klarer wird, dass Jane vermutlich in großer Gefahr ist. Alles dreht sich dabei um den spleenigen Architekten des Hauses, Edward Monkfort, einen absoluten Kontrollfreak, der keinesfalls ein distanziertes und professionelles Verhältnis zu seinen Mieterinnen sucht. Das Buch lebt von der Spannung, ob Jane wohl etwas Ähnliches passiert wie Emma, worauf die Geschichte zumindest hinauszulaufen scheint. Doch so einfach macht es sich der Autor nicht. Schon der Untertitel spielt mit den Erwartungen der Leser, „Sie war wie du. Und jetzt ist sie tot“ führt einen in eine bestimmte Richtung und leitet durch die sehr spannende und phasenweise psychotische, fast düstere Stimmung.

Mir hat „The Girl Before“ sehr gut gefallen, es ist spannend geschrieben und vorhersehbar, so dass man beim Lesen die ganze Zeit gut in der Story bleibt. Für alle Fans von Psychothrillern ist „The Girl Before“ ein absolutes Muss. 

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Montag, 15. Mai 2017

Jodi Picoult "Bis ans Ende der Geschichte"

Sage Singer arbeitet als Bäckerin am liebsten nachts. Auch um sich zu verstecken, denn seit einem Autounfall trägt sie eine große Narbe im Gesicht. Zudem hat sie schon jung beide Eltern verloren, ein Schicksalsschlag mit dem sie nur schwer umgehen kann. In einer Trauergruppe lernt sie den über 90-Jährigen Josef Weber kennen und freundet sich mit dem freundlichen Mann an, der so viel Verständnis für sie zu haben scheint. Doch eines Tages erzählt er ihr von seinem dunkelsten Geheimnis, verbunden mit einer Bitte, die Sage unerfüllbar scheint. Sie muss sich damit auseinandersetzen, wie man Unaussprechliches vergeben soll und inwieweit der Mensch eigentlich ein Anrecht auf Gnade hat.
Jodi Picoult hat mit „Bis ans Ende der Geschichte“ wieder eine unglaublich bewegende und warmherzige Geschichte geschrieben, die einen als Leser beeindruckt und bewegt. Sage hat schon viel in ihrem Leben mitmachen müssen und wird durch Josef Webers Geständnis auch mit der eigenen Familiengeschichte konfrontiert. Sie wird in ein moralisches Dilemma katapultiert, das ihre eigenen Probleme in den Hintergrund schiebt und ihr trotz aller Schwierigkeiten neues Selbstbewusstsein gibt, was ich sehr faszinierend fand. Picoult beschreibt die ganze Geschichte äußerst glaubwürdig. Sie setzt sich in dem Buch nicht nur mit Sage und ihrer Familie auseinander, die jüdischen Glaubens ist, aber diesen Glauben fast nie praktiziert hat. Sie zeigt auch, dass dieses Buch sehr viel Recherche voraussetzt, denn die Passagen über den Holocaust sind derart detailliert und gleichzeitig glaubwürdig geschildert, das die Autorin vermutlich viel Zeit investieren musste, um diese so gestalten zu können.

Jodi Picoult hat ein besonderes Talent für Bücher, die noch lange in einem nachhallen. Sie verbindet auf wunderbare Weise einen spannenden und flüssigen Schreibstil mit tiefgehenden Themen, die einen beim Lesen sehr bewegen. Für mich ist das ein absolutes Ausnahmetalent und so kann ich auch „Bis ans der Ende der Geschichte“ nur uneingeschränkt allen weiterempfehlen. 

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Mittwoch, 10. Mai 2017

Hampton Sides "Die Polarfahrt"

Im Jahr 1779 begibt sich George W. De Long mit seiner Crew auf eine ganz besondere Reise: Sie wollen einen Seeweg zum Nordpol finden, um den sich noch viele Gerüchte ranken. Es soll dort warm sein, belebt, es gebe noch Mammuts und Säbelzahntiger oder auch einen Zugang zum Inneren der Welt. Finanziell geplant wird die Reise vom exzentrischen Herausgeber des New York Herald, der auch bereits die Suche nach dem verschollenen Livingston in Afrika organisierte- alles für die Zeitungsauflage. Die Entdeckung des Nordpols soll für seine Zeitung der ganz große Coup werden und so scheut er keine Kosten, um die U.S.S. Jeannette mit einer Mannschaft Richtung Norden zu schicken.
„Die Polarfahrt“ von Hampton Sides ist zwar ein Sachbuch, aber es ist so spannend und mitreißend geschrieben, wie ich es mir von jedem Thriller wünschen würde. Sides strukturiert das Buch sehr gut, schafft Hauptfiguren, die einem beim Lesen ans Herz wachsen oder die einen einfach nur erschrecken, wie teilweise die Menschenfeindlichkeit des Herausgebers Bennett. Auch De Longs Frau spielt, was in der damaligen Realität sicher selten war, eine wichtige Rolle für das Buch, ihre Briefe bilden einen Bogen über alle Kapitel, merkt man ihnen doch an wie Angst und Verzweiflung im Laufe der Zeit immer größer werden. Sehr bewegend fand ich auch den abgedruckten Brief von De Longs Tochter Sylvie, die noch ein Kleinkind war als er losfuhr, und jetzt zur Schule geht und ihm einen Brief schreiben kann.
Hampton Sides hat einen sprachlich und strukturell großartiges Buch geschrieben, das einem auf wunderbare Weise aufzeigt, wie viel wir in den letzten 200 Jahren über das Leben auf der Erde und den Planeten selbst, erfahren haben. Die Vorstellung einer Oase auf dem Nordpol erscheint uns heute so genauso abwegig wie ein Gletscher in der Sahara, dennoch setzten sich viele Expeditionen damals diese Entdeckung zum Ziel. Dabei mussten nicht selten auch Menschenleben dem Forscherdrang geopfert werden.

Mich hat „Die Polarfahrt“ von Hampton Sides uneingeschränkt begeistert, auch für Leser die sonst eher kein Sachbuch lesen würden, ist dieses Buch absolut empfehlenswert. 

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Hier geht es zur Leseprobe und weiteren Informationen des mare Verlags.