Freitag, 7. September 2012

Gisella Stelly "Goldmacher"


Deutschland Anfang der 20er Jahre: Anton und Franz erblicken beide in schwierigen Zeiten das Licht der Welt und lernen sich in den 30er Jahren in der Hitlerjugend während eines Sommeraufenthaltes kennen. Ihr beider Leben wurde geprägt vom „Goldmacher“, dem Versuch, industriell Geld zu produzieren. Antons Vater verlor dadurch seinen gesamten Besitz, Franz‘ Vater startete so seine Karriere bei den Nazis als Banker und Industrieller. Ihr Leben lang bleiben die beiden verbunden und treffen an wichtigen Punkten der deutschen Geschichte aufeinander. 
Gisela Stelly ist mit „Goldmacher“ ein großartiger Roman über die deutsche Geschichte und den Wunderglauben während der Nazi-Diktatur in Deutschland gelungen. Glaubwürdig erzählt sie von dem Wunsch der Menschen, etwas Besonderes zu haben und Wunder möglich machen zu können, egal ob sie nun an das künstliche Gold oder Hitlers Wunderwaffe glauben. Antons Wunsch gemäß dem griechischen Historienschreiber Thukydides die Geschichte dieses deutschen Wunderglaubens aufschreiben zu wollen oder doch zumindest verstehen und in Zukunft verhindern zu können, wird immer wieder mit dem Wunsch von Franz konfrontiert, die Wahrheit nicht sehen zu wollen und sich in seiner Welt einzurichten und voranzukommen.
 Die Geschichte der Familien und ihre Verknüpfungen auch in den nachfolgenden Generationen zeigt Gisella Stelly vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte von Anfang der zwanziger Jahre über den zweiten Weltkrieg, den Wiederaufbau, die deutsche Teilung, die Studentenunruhen in den 60er und 70er Jahren bis zum Mauerfall und der Wiedervereinigung in Deutschland. Dass dieser intelligente und gut durchdachte Roman gleichzeitig auch noch gut lesbar und für den Leser sehr ansprechend aufgemacht ist, wirkt da wie ein Bonuspunkt für ein an sich schon großartiges Buch!

Donnerstag, 6. September 2012

David Nicholls "Zwei an einem Tag"


Am 15. Juli 1988 verbringen Emma und Dexter nach ihrer College Abschlussfeier die Nacht gemeinsam- und von da an ihr ganzes Leben. Jedes Jahr am 15. Juli lässt David Nicholls den Leser einen Blick in das Leben der beiden werfen, was sie tun, wie sie sich entwickeln und wie sie zueinander stehen. Während Emma sich als Schauspielerin, Kellnerin und Lehrerin versucht, jettet Dexter als Kind reicher Eltern um die Welt, sucht einen Job der möglichst cool ist und hat wechselnde Frauengeschichten. Doch nie verlieren sich die beiden aus den Augen und so entsteht eine wundervolle Liebesgeschichte, die einen als Leser nicht unberührt lassen kann. 
Durch die Idee, die Geschichte nicht einfach fortlaufend, sondern punktuell immer an einem Tag im Leben der beiden zu erzählen, entsteht ein Plot jenseits des klassischen Liebeskitsches von „Sie finden sich und lieben sich ihr Leben lang“. Der Roman von David Nicholls ist realistischer und lebensnaher, er erzählt von Momenten, in denen einfach nichts zusammenpasst und zeigt, dass nur Liebe manchmal nicht reicht um zusammen sein zu können. Die Suche nach dem richtigen Augenblick bestimmt das Leben von Emma und Dexter und ihre Entscheidungen.
 „Zwei an einem Tag“ ist kein Roman über Liebe auf den ersten Blick, sondern lässt uns als Leser daran teilhaben, wie sich Gefühle entwickeln und verändern. Für eine Person etwas Bestimmtes zu empfinden ist nicht feststehend, kontinuierlich suchen und finden Emma und Dexter Partner, Familie, Freunde und auch sich gegenseitig immer wieder. Dieser Roman geht ans Herz, ohne kitschig zu sein - sehr zu empfehlen! 

Montag, 3. September 2012

Es wird wieder gebloggt!

Nachdem es im letzten Monat auf meinem Blog leider totenstill war, bin ich jetzt wieder aktiv dabei! Die Seitenzahlen habe ich schon aktualisiert, die Rezension zu "Zwei an einem Tag" folgt in den nächsten Tage. Also bis bald!

Sonntag, 8. Juli 2012

Nicolas Barreau "Das Lächeln der Frauen"


Wenn man sich ein Buch kauft und bereits auf den ersten Seiten des Romans wird das eigene Restaurant erwähnt, kann das Zufall sein und vielleicht freut man sich sogar über die Werbung. Möglicherweise hat man den Autor einmal unbewusst bewirtet? Wenn die Hauptfigur des Romans jedoch genauso aussieht wie man selber und ein Kleid trägt, das man selber im Schrank hängen hat, glaubt man vermutlich nicht mehr an Zufall- sondern an Schicksal! So ergeht es Aurélie Bredin, als sie den Roman „Das Lächeln der Frauen“ entdeckt, der ihr Leben verändern soll. Mühselig versucht sie über den Lektor Kontakt zu dem menschenscheuen englischen Autor herzustellen, doch das birgt mehr Hindernisse als ihr lieb ist. Und auch für den französischen Lektor schafft sie ohne es zu ahnen unglaubliche Probleme, die er nur schwer lösen kann. Denn der englische Autor hinter  dem Namen Robert Miller hat ein ungewöhnliches Geheimnis...
Nicolas Barreaus Roman ist ein Liebesroman, jedoch ohne viel Kitsch und Pomp. Er ist auf eine ruhige und stille Weise beeindruckend und fesselt einen in der Welt von Aurélie und André, den beiden Charakteren, die einander so viele Probleme machen, ohne es auch nur zu ahnen. Langsam bewegen sie sich auf einander zu und das Empfinden für das, was André tut schwankt die ganze Zeit zwischen Verständnis und Abneigung auf Seiten des Lesers. Darf man jemanden für die Liebe manipulieren? Darf man ihn anlügen, wenn das Ergebnis am Ende doch alle glücklich macht? Und wie lange kann ein auf einer Lüge aufgebautes Glück überhaupt andauern? Alle diese Fragen wälzt André hin und her bei seiner Jagd auf Aurélie, während die sehr naiv und unbedarft im Leben vorangeht. Liebe ist für sie immer wahr, ehrlich und nur mit dem ganz großen Knall, den ganz großen Gefühlen möglich. Dass die Liebe sich auch ganz anders entwickeln kann, langsam, über Vertrauen und das Kennend des Anderen zieht sie gar nicht in Erwägung. Und so muss der verliebte André alle Register ziehen, um die verträumte Restaurantbesitzerin auf seine Seite zu ziehen.
Barreaus Figuren sind sensibel, jeder auf seine Art und die Handlung ist so liebevoll geschrieben, voller Empathie für die Charaktere auf allen Seiten der Geschichte, dass man das Buch nicht mehr weglegen mag und das passiert, was der Autor sich in seinem Nachwort vom Leser wünscht: Dass man seinen Roman mit einem Lächeln in der Hand beginnen und mit einem Lächeln beenden möchte. 

Samstag, 30. Juni 2012

Sören Sieg "Superdaddy"


Ein Superdaddy- wie könnte der aussehen? Vielleicht ein Vater der immer für seine Kinder da ist? Oder ein beruflich erfolgreicher Typ, der am Wochenende seine Kinder ins Bett bringt und von seinen Heldentaten erzählt, der sich um seine Frau kümmert, sie liebt und nicht betrügt und für den seine Familie alles ist. Aber ganz sicher nicht dieses von Sören Sieg konstruierte Wesen aus missratener Rampensau, Memme und jaulendem Hausmann. 
Ich hatte von dem Buch eine lustige launige Unterhaltungsgeschichte erwartet, vielleicht nicht anspruchsvoll aber mit netten Charakteren und vielleicht auch Familienmomenten, bei denen sich jeder Leser denkt „ja, kenne ich, das war bei uns auch so“. Statt dessen jammert der Protagonist 300 Seiten lang über sein schweres Leben, ständig unterdrückt von seiner feministischen Akademikerfrau und gedemütigt von seinem coolen Investmentbanker-Freund. Das ist vielleicht die ersten 100 Seiten unterhaltsam, dann wird es nur noch anstrengend und spätestens auf Seite 200 wollte ich die Hauptfigur mal am Kragen packen und ordentlich durchschütteln. Von seiner egozentrischen unsympathischen Frau mal ganz zu schweigen! 
Das ist natürlich eine sehr subjektive Wahrnehmung der Charaktere und wird sicher immer auch ein wenig vom Hintergrund des Lesers bestimmt. Eine weniger einseitige Konstruktion der Figuren hätte der Geschichte jedoch sehr gut getan, dann wirkt es auch nicht so unglaubwürdig, wenn Phillips Frau einer plötzlichen Sinneswandlung gleich fünf Minuten lang weint, weil sie ja so eine schlechte Mutter ist, um dann einen Job in einer völlig anderen Stadt anzunehmen ohne die Familie zu informieren. Alles in allem leider keine empfehlenswerte Lektüre. 

Dienstag, 26. Juni 2012

Eine neue Rubrik

Seit heute gibt es eine neue Rubrik, viel Spaß beim Lesen und Entdecken. Die Fotos sind vom ersten Versuch Sushi selber zu machen- viel besser gelungen als gedacht!

Tom Rachman "Die Unperfekten"


Wie tickt eigentlich eine Zeitung? Und was kann sie in den Untergang treiben? Aus den Perspektiven von Gründer, Verleger, Mitarbeitern und Lesern beschreibt Tom Rachman in diesem großartigen Stück Literatur den Weg einer internationalen Zeitung, die in Rom produziert wird und deren Gründer großes mit ihr vor hatte. Im Laufe der Zeit jedoch wandelt sich die Zeitung und auch ihr Umfeld, neue Medien drängen auf den Markt, neue Chefredakteure versuchen das sinkende Schiff zu retten. 
 Der Roman ist eigentlich eine Zusammenstellung von kurzen Episoden, die uns am Leben von Personen teilhaben lassen, die die Zeitung am Laufen halten. Die Redaktion und das produzierte Blatt sind der Rahmen, der diese Geschichten zusammenfügt und auch die Menschen zwingend zusammenhält, ob sie das nun wollen oder nicht. Sie ist wie eine eiserne Klammer, die alles festzieht und wenn sie weg bricht, purzeln all die Geschichten und Lebensentwürfe beinahe haltlos durcheinander. Für einige mag das positiv sein, für andere bedeutet es eine Katastrophe, ohne diesen Rahmen leben zu müssen.  
All diese Entwicklungen beobachtet Tom Rachman mit Abstand zu den Figuren, er erzählt und beschreibt sie, der Erzähler hält jedoch immer eine kühle Distanz zu den Figuren und ihrem Schicksal, was auch dem Leser die Möglichkeit gibt, das große Ganze zu sehen und sich nicht in den einzelnen Figuren zu verlieren.  
Mich hat das Buch wirklich begeistert, auch wenn die Aufteilung auf einzelne Episoden am Anfang etwas ungewöhnlich war. Für diesen Roman hat Rachman damit aber die perfekte Darstellungsform gefunden!