Donnerstag, 31. Juli 2014

Jean-Luc Bannalec "Bretonische Brandung"


Kommissar Dupin muss in seinem zweiten Fall unter schwierigen Bedingungen ermitteln. Auf den Glénans, einer Inselgruppe vor der bretonischen Küsten, werden drei Leichen an einem Strand gefunden. Was zunächst nach einem Schiffsunglück aussieht, entpuppt sich schnell als heimtückischer Mord. Und irgendwie scheint jeder Inselbewohner ein Motiv zu haben, denn zwei der drei Opfer waren höchst unbeliebt. Erschwert werden die Ermittlungen dadurch, dass die Inseln nur per Boot zu erreichen sind, was dem wasserscheuen Dupin zutiefst widerstrebt.
Der ermittelnde Kommissar Dupin ist zwar ein Eigenbrötler und zeigt sich in der Zusammenarbeit mit seinen Kollegen oft nicht kooperativ, er ist jedoch trotzdem sympathisch und liebenswert. Er ist sozial nicht unfähig, er hat nur die Erfahrung gemacht, dass die meisten es nicht verstehen, wenn er seinen Instinkten folgt, die nicht immer logisch begründbar sind. Also macht er erst einmal alles mit sich selber aus und lässt seine Kollegen erst teilhaben, wenn er einen Plan hat. Dies führt häufig zu kuriosen Situationen, wenn er schon wieder vergessen hat, welchen Auftrag er erteilt hatte, weil er so in seine Überlegungen vertieft ist. Der Charakter Dupin ist entscheidend für die Geschichte und trägt die gesamte Story. Diese ist spannend, logisch und gleichzeitig unterhaltsam. Das beschriebene Lokalkolorit trägt noch dazu bei, dass man schnell ein konkretes Bild vor Augen hat und gerne weiterliest. 
Mit „Bretonische Brandung“ ist Jean-Luc Bannalec ein weiterer unterhaltsamer und zugleich spannender Krimi um den Pariser Polizisten im Exil Dupin gelungen. 

Dienstag, 29. Juli 2014

Rachel Joyce "Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte"


Zwei Sekunden braucht es, um das Leben von Byron und seiner Familie komplett aus den Fugen zu heben. Zwei Sekunden, in denen nur Byron sieht, wie ein kleines Mädchen vor das Auto seiner Mutter läuft und verletzt wird. Seine Mutter scheint nichts bemerkt zu haben und fährt im dichten Nebel einfach weiter. Als er ihr einige Zeit später erzählt, was passiert ist, bringt er ihr ganzes Leben durcheinander.
Byrons Familie ist eine klassische, englische Vorzeigefamilie. Die Kinder gehen auf eine Privatschule, seine Mutter ist zu Hause, kümmert sich um Haus und Garten und kocht. Der Vater ist nur am Wochenende da und erwartet den perfekten Schein, den er mit dem Haus und seiner Familie quasi gekauft zu haben scheint. Doch die Fassade bröckelt immer mehr und Byrons Mutter scheint an der Perfektion zu zerbrechen. Immer stärker wird sie in den Erzählungen ihres Sohnes zu einem fragilen, unsicheren Schatten der Frau, die sie sein will und die die Umwelt von ihr erwartet. Dass all dies aus der Sicht des Jungen Byron erzählt wird, macht die Geschichte so besonders, denn sein Blick auf die Handlung ist sehr ungewöhnlich. 
Parallel erzählt die Autorin die Geschichte von einem älteren Mann, der in einem Supermarkt arbeitet und schon viel Zeit seines Lebens in psychatrischen Einrichtungen verbracht hat. Erst spät verbindet sich die Geschichte mit der von Byrons Familie, dennoch nimmt einen auch diese Handlung emotional sehr mit. 
Rachel Joyce macht diesen Roman zu etwas Außergewöhnlichem, indem sie die Geschichte aus dem Blickwinkel eines Jungen erzählt, ohne Informationen hinzuzufügen, die Byron nicht hat oder die er als unwichtig erachtet. So muss man beim Lesen teilweise schon detektivisch darauf achten, was der Erzähler mit bestimmten Ausdrücken und Situationsbeschreibungen meint und sich immer klar machen, dass man durch die Brille eines Kindes schaut und nicht den Schilderungen eines über den Dingen stehenden Erzählers Glauben schenken kann. Durch diese Tatsache berührt die Geschichte einen jedoch auch besonders, denn Byron wächst einem in seiner etwas seltsamen Verschrobenheit schnell ans Herz und man möchte ihm manchmal helfen und erklären, was sich in seiner Familie vor seinen Augen wohl gerade abspielt. 
Wer beim Lesen einen zweiten Harold Fry erwartet hat, wird überrascht sein von der Tiefe und Ernsthaftigkeit der Geschichte. Doch wenn man sich darauf einlässt, weiß Rachel Joyce auch dieses mal zu begeistern. 

Montag, 28. Juli 2014

Neue Rezensionen in den nächsten Tagen

Die nächsten Rezensionen kommen in den nächsten Tagen. Inzwischen gelesen habe ich "Das Jahr, das zwei Sekunden brauchte" von Rachel Joyce, "Bretonische Brandung" von Jean-Luc Bannalec und "Das hohe Haus" von Roger Willemsen. 

Montag, 30. Juni 2014

Jean-Luc Bannalec "Bretonische Verhältnisse. Ein Fall für Kommissar Dupin"


Kommissar Dupin als eingefleischten Bretonen zu bezeichnen wäre ganz sicher übertrieben, doch er hat sich an die Bretagne gewöhnt. Bereits vor fast drei Jahren wurde von Paris zwangsversetzt, weil sein Umgangston mit Vorgesetzten mehr als ein wenig zu wünschen übrig lässt. Jetzt muss in dem Mord an einem 90-jährigen Hotelbesitzer in einem nahegelegenen Künstlerort ermitteln, in dem schon Gauguin seine berühmten Werke malte. 
Die ganze Geschichte und die Ermittlungen von „Monsieur le Commissaire“ haben mich sehr an Romane von Agatha Christie erinnert. Seine Art, an Fälle heranzugehen ist davon geprägt, dass er sich auf seine Sinneseindrücke und eine Art Intuition verlässt, wobei ihn seine Kollegen nur stören. Verständlicherweise treibt er sie in den Wahnsinn, wenn er sie ständig von A nach B beordert, ohne ihnen zu sagen warum, oder Leute zu Befragungen einbestellen lässt, die für seine Kollegen überhaupt keinen Bezug zu dem Fall haben. Wenn er nicht weiter weiß, läuft der einsame Wolf Dupin durch die Gegend und wartet auf die Eingebung, die manchmal kommt und manchmal auch nicht. Nur ungern lässt er sich durch herkömmliche Ermittlungsmethoden einengen. All dies macht den besonderen Charme dieses Protagonisten aus, der zwar seine Fälle lieber alleine löst, die Gesellschaft von Menschen (bei einem guten Essen) aber durchaus zu schätzen weiß. Beim Lesen vermittelt sich das Gefühl, es mit einem guten alten Krimi zu tun zu haben, in dem Fälle nicht von Forensikern und Pathologen mit Hightech-Gerät aufgeklärt werden, sondern von einem Menschen, der durch bloßes Nachdenken und Kombinieren seine Fälle löst. Damit hebt sich diese Geschichte positiv von vielen anderen Krimis ab und bietet dem Leser spannende Unterhaltung und fordert auch seine eigene Kombinationsgabe ein bisschen, wenn er mit dem Kommissar mithalten will.
Der Krimi „Bretonische Verhältnisse“ und Kommissar Dupin haben mich sehr positiv überrascht und überzeugen durch angenehme Charaktere mit besonderem Charme und eine originelle Geschichte. 

Sonntag, 29. Juni 2014

Ursula Poznanski "Blinde Vögel"


Nach dem Geocaching-Fall haben es Beatrice Kaspary und Florin Wenninger erneut mit einem anspruchsvollen Mordfall zu tun. Ein junger Mann wird erschossen aufgefunden, neben ihm liegt eine erdrosselte junge Frau. Die Ermittler glauben zunächst an ein Paar, eine Tat aus Eifersucht, doch schnell rückt ein neuer Aspekt in den Mittelpunkt. Beide waren aktiv in einer Facebook Gruppe, in der die Teilnehmer sich über Gedichte ausgetauscht haben und scheinen sich bis vor einigen Tagen gar nicht persönlich gekannt zu haben. Als ein weiteres Mitglied der Gruppe seinen Selbstmord ankündigt, ist sich Beatrice Kaspary sicher, dass die Lösung des Falls nur in der Gruppe zu finden ist und beginnt sich mit einer falschen Identität intensiv in die Gespräche einzuschalten.
 „Blinde Vögel“ ist einfach unglaublich spannend und mitreißend. Die Ermittler sind sympathisch beschrieben und bringen auch private Aspekte mit in die Geschichte, ohne dass diese die Geschichte dominieren. Auch wenn einem die Story am Anfang etwas absurd vorkommt, nimmt sie einen schnell gefangen und überzeugt durch eine klare Struktur und spannende Wendungen, die anfangs nicht zu erwarten waren. Auch die Ermittler scheinen von der Entwicklung der Geschichte genauso überrascht wie man als Leser selbst, was sowohl die Story als auch die Charaktere so glaubhaft macht. 
Ich war von dem zweiten Thriller von Ursula Poznanski absolut begeistert und hoffe schon jetzt sehr auf einen dritten Band mit Kaspary und Wenninger als Ermittler. 

Mittwoch, 25. Juni 2014

Kate Morton "Die fernen Stunden"


Edith Burchall wird durch Zufall auf die Vergangenheit ihrer Mutter aufmerksam, als ein 50 Jahre alter Brief zugestellt wird. Dieser stammt von einer alten Freundin, bei der sie 1940  während der Evakuierung aus London auf Schloss Milderhurst lebte. Edith beginnt über das Schloss zu recherchieren, wo die drei Schwestern Percy, Saffy und Juniper Blythe seit Jahren abgeschieden leben und das schwere Erbe ihres Vaters verwalten, der mit der Geschichte vom Modermann einen literarischen Klassiker schrieb.
 Zunächst scheint es beim Lesen, als wäre Edith Mutter Meredith die Protagonistin der Geschichte, doch schnell wird klar, dass sie nur eine Art Auslöser ist, der Edith dazu bringt die wahre Geschichte herauszufinden. Dabei wird immer deutliche, dass die Fiktion der Modermann-Geschichte untrennbar mit dem wahren Leben der Blythe-Schwestern verbunden ist und die jüngste Schwester Juniper sogar in den Wahnsinn getrieben hat. Der Vater hat die Schwestern an das Schloss gekettet, in dem die Geschichte spielt und das aus Geldmangel um sie herum immer weiter verfällt. Die Geschichte beeindruckt besonders durch die starken Charaktere und die vielen Aspekte der Story, die die Autorin jedoch problemlos zusammenführt und wieder trennt, was die Handlung so spannend und nervenaufreibend macht. Als Leser folgt man vielen Andeutungen, die einen in die falsche Richtung führen, um sich dann um so überraschender aufzulösen. Fantasie und Fiktion auf der einen Seite kollidieren immer wieder mit der Realität, in der die Schwestern leben und manchmal fällt es schwer, beides auseinander zu halten. Dies passt aber gut zu dem gesamten Leben auf dem Schloss, denn auch die Schwestern haben sich mit ihrer Vergangenheit wie in einer fiktiven Geschichte eingerichtet, die sie nicht ändern können, in der sie jedoch brav ihre Rollen spielen müssen. 
„Die fernen Stunden“ ist mit Abstand der bisher literarischste und tiefgehendste  Roman von Kate Morton und überzeugt durch Spannung und ausgefallene Charaktere. 

Sonntag, 22. Juni 2014

Jo Nesbø "Das fünfte Zeichen"


In diesem Fall bewegt sich Harry Hole mal wieder dicht an der Grenze zur Illegalität und verliert sogar seinen Job, weil seine Methoden und seine Alkoholsucht ihn zu einem unkontrollierbaren Faktor in den Ermittlungen machen. Und diese haben es mehr als in sich. Eine Leiche wird gefunden und die Obduktion ergibt, dass sich unter ihren Augenlidern ein fünfzackiger Diamant verbirgt. Welches Zeichen will der Mörder damit setzen? Als weitere Leichen auftauchen wird klar, dass die Polizei es mit einem Serientäter zu tun hat, der eiskalt und nach System mordet. Obwohl Kommissar Hole inzwischen suspendiert ist, ermittelt er weiter und kommt der Lösung des Falls gefährlich nahe. 
Harry Hole ist wie immer einmalig, an Grusel und Spannung kaum zu überbieten. Harrys zerrissenen Psyche drängt sich dabei immer wieder in den Vordergrund, er ist der klassische Ermittlertyp des einsamen Wolfs. Der Verlust seiner Kollegin Ellen, für deren Tod er einen Kollegen verantwortlich macht, und die Trennung von seiner Freundin Rakel und deren Sohn Oleg verstören ihn zutiefst und treiben ihn immer tiefer in die Sucht. Und diese Sucht ist nicht nur der Alkohol, sondern auch der Tanz auf dem Vulkan bei der Suche nach dem Serienkiller. Immer wieder bringt er sich selbst in Gefahr und ohne zu wollen auch Rakel und Oleg. Denn der Killer weiß genau, wo seine schwache Seite ist und versucht so den gewieften Ermittler auszuspielen. 
"Das fünfte Zeichen“ ist hochgradig mitreißende Krimiunterhaltung und gehört bei jedem Krimi- und Thriller-Fan - wie im übrigen auch alle anderen Harry Hole Romane - ganz vorne in das Bücherregal.