Freitag, 8. Juni 2018

Joaquim Maria Machado de Assis "Das Babylonische Wörterbuch"


Der Mensch und seine kleinen und großen Abgründe – damit beschäftigt sich Joaquim Maria Machado de Assis in den 13 Geschichten in diesem wunderbaren kleinen Buch. Humorvoll und witzig, aber auch direkt und die Abgründe niemals vorsichtig umschiffend erzählt der Autor Geschichten von Menschen und Glauben, spielt mit den Erwartungen der Leser und lässt Gott und den Teufel gegeneinander antreten. Dies geschieht alles auf äußerst unterhaltsame Weise und wird an keiner Stelle langweilig.
Joaquim Maria Machado de Assis wurde 1839 in Rio de Janeiro geboren und starb 1908. Mir war dieser brasilianische Autor bisher unbekannt, umso mehr freut es mich, dass der Manesse Verlag diese Geschichten in einer wunderschönen kleinen Ausgabe herausgegeben hat. Das Buch ist klein und handlich, dabei aber sehr hochwertig gemacht, perfekt um die Erzählungen immer wieder zur Hand zu nehmen und darin zu schmökern.
Mich hat „Das Babylonische Wörterbuch“ wirklich begeistert, die Erzählungen sind kurz und prägnant und vermitteln dabei gleichzeitig so viele Gedanken und Ideen, das man völlig gefesselt. In Kombination mit der wunderschönen Ausgabe des Manesse Verlags kann ich allen Lesern dieses Buch einfach nur ans Herz legen.

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Hier geht es zur Leseprobe und weiteren Informationen des Manesse Verlags. 

Donnerstag, 7. Juni 2018

Eberhard Fohrer "Kreta"


Die Insel Kreta ist immer eine Reise wert und Eberhard Fohrer hat uneingeschränkt den besten Reiseführer für einen Urlaub dort geschrieben. Jetzt ist die neue Auflage des Reiseführers im Michael Müller Verlag erschienen und wurde von mir zwei Wochen lang auf Herz und Nieren auf der Insel direkt getestet.
Die Neuauflage hat mir noch etwas besser gefallen als die bisherige, da mehr Wanderungen hinzugekommen sind. Diese sind auch für alle machbar, die keine Wandeprofis sind und bringen einem die wunderbare Natur der Insel näher. Die Wegbeschreibungen sind sehr gut und man findet die Routen problemlos, so konnten wir viele neue Ecken der Insel entdecken, obwohl wir bereits das dritte Mal dort waren.
Der Aufbau ist gleich geblieben und das ist auch gut so, der Reiseführer ist äußerst übersichtlich und sehr umfangreich, man findet zu fast jedem Ort eine kurze Beschreibung und viele interessante Hintergrundberichte zu Land und Leute und auch touristischen Attraktionen, wie zum Beispiel Knossos oder das Kloster Arkadi. Die Restauranttipps sind wie immer super. Wir haben uns, wenn wir unterwegs waren, voll auf den Reiseführer verlassen und wurden nie enttäuscht, besonders im „Waves on the Rocks“ bei Radvoucha sitzt man wunderschön und das Essen ist lecker, ebenso in dem kleinen Lokal auf dem Dorfplatz von Archea Elefterna oder in den Lokalen in der Nähe des Frangokastello. Man kann sich immer auf die Tipps verlassen und läuft nie Gefahr, in eine Touristenfalle zu gehen, was ich großartig finde.
Die Neuauflage des Reiseführers von Eberhard Fohrer zu „Kreta“ ist wieder äußerst gelungen, trotz seines Umfangs ein unverzichtbarer Reisebegleiter, der keine Wünsche offen lässt.

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Hier geht es zu weiteren Informationen des Michael Müller Verlags. 

Die ausführliche Besprechung der letzten Auflage könnt ihr hier nachlesen. 

Mittwoch, 6. Juni 2018

Cixin Liu "Die drei Sonnen"


In China tobt in den 60er Jahren die Kulturrevolution, als eine geheime Station beginnen soll, Signale ins All zu schicken. Die Basis „Rotes Ufer“ soll ersten möglichen Kontakt zu Außerirdischen aufnehmen, denn die USA und die Sowjetunion forschen ebenfalls intensiv in diese Richtung. Der Kontakt gelingt, jedoch ganz anders als gedacht und fünfzig Jahre später stehen die Menschen vor der großen Herausforderung damit umgehen zu müssen. Das Schicksal der Menschen scheint sich unweigerlich für immer zu verändern.
Cixin Liu hat mit „Die drei Sonnen“ nicht einfach einen Science Fiction Roman geschrieben, sondern ein wahres Meisterwerk verfasst. Das Wissen des Autors in den Bereichen der Physik und Mathematik muss groß sein, wenn er einen derart detailliert begründeten Roman schreiben kann, in dem viel fachliches vermittelt wird, ohne nur einmal langweilig, unverständlich oder abgehoben zu werden. Die Geschichte hat mich von der ersten Seite an gepackt und auch als naturwissenschaftlich nicht besonders bewanderter Leser konnte ich den Erklärungen gut folgen. „Die drei Sonnen“ ist kein Roman, in dem plötzlich eine fremde Spezies die Erde angreift und ein Krieg beginnt, wie es in zahlreichen Kinofilmen bunt und knallend dargestellt wird. Der Roman beschreibt auf eine sehr feine und detaillierte Art und Weise einerseits die Probleme, denen sich die Menschheit aktuell stellen muss und wie schlecht wir teilweise mit dem Planeten umgehen, auf dem wir Leben. Gleichzeitig führt Cixin Liu uns Stück für Stück an die von ihm geschaffene Kultur heran, die auf einem anderen Planeten lebt und auf die Kontaktaufnahme der Menschen reagiert. Sein Blick auf die Menschen ist zwar kritisch, aber nicht ausschließlich negativ, und so verfolgt man als Leser gebannt die  Entwicklungen und Hintergründe, die sich Stück für Stück vor einem ausbreiten und einen unweigerlich mitziehen auf die Reise in die unbekannte Welt.
Ich war bisher kein Fan von Science-Fiction-Literatur, doch Cixin Lius Auftakt der Trilogie „Die drei Sonnen“ hat mich derart begeistert, dass ich mich jetzt sicher öfter an das Genre heranwagen werde. Der Roman ist unglaublich intelligent und gleichzeitig mitreißend geschrieben, bietet viele Fakten ohne trocken oder langweilig zu werden und basiert auf einer unglaublich spannenden Idee, die in zwei weiteren Bänden noch weiter ausgebreitet wird. Ich freue mich schon jetzt auf die Lektüre von „Der dunkle Wald“, dem zweiten Band der Trilogie.

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Hier geht es zu weiteren Informationen und der Leseprobe des Heyne Verlags. 

Dienstag, 5. Juni 2018

Petros Markaris "Hellas Channel"


Kostas Charitos ermittelt in seinem ersten Fall. Mitte der 90er Jahre ist eines der großen Probleme Griechenlands die Zuwanderung von Albanern, die mehr oder weniger illegal im Land leben. Als ein albanisches Ehepaar tot aufgefunden wird, ist der Anreiz für die Polizeibehörde nicht besonders hoch, viel Arbeit in den Fall zu stecken. Schnell ist ein anderer Albaner gefunden, der den Mord gesteht. Doch dann wird plötzlich eine Journalistin ermordet, die kritisch über den Fall berichtete und Charitos vermutet einen Zusammenhang. Auch wenn er damit in Ungnade fällt, gibt er keine Ruhe und versucht weiter, die losen Fäden zu verbinden.
Dieser Fall führt den Leser zurück in die 90er Jahre, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und lange vor der Währungsunion und Schuldenkrise lernen wir Griechenland von einer anderen Seite kennen. Die Abneigung gegen albanische Zuwanderer ist so groß, dass ihr Leben weniger wertvoll scheint als das der griechischen Mitbürger. Auch Charitos ist keinesfalls ein Engel und hat wenig Lust, viel Arbeit in den Fall der ermordeten Albaner zu stecken. Doch er hat den richtigen Riecher, als es weitere Tote gibt und lässt einfach nicht locker. Er ist keineswegs ein problemloser und durchweg sympathischer Charakter, aber er ist spannend konstruiert und sehr gut beschrieben, man lässt sich dadurch schnell in die Geschichte hineinziehen. Die privaten Reibereien mit seiner Frau Adriana und seine Leidenschaft für Wörterbücher unterstreichen die Verschrobenheit des Charakters Charitos, der eher ein einsamer Wolf als ein Teamarbeiter ist und am liebsten jeden Tag Souvlaki aus der Tüte essen würde.
Der Kriminalfall ist dabei äußerst spannend, von einem einfachen Mord arbeitet man sich zu einer scheinbar größeren Verschwörung vor, die einen als Leser genauso mitreißt wie den sonst etwas lethargischen Ermittler. Alles ist sehr logisch aufgebaut und realistisch konstruiert, schnell ist man in einem Sog gefangen und kann nicht mehr aufhören zu lesen, auch wenn man Charitos so manches mal ein bisschen antreiben möchte, er möge doch das Wörterbuch zur Seite legen und schneller machen.
„Hellas Channel“ ist der erste Band des von Petros Markaris geschaffenen Kommissars Kostas Charitos und ist in Griechenland bereits Mitte der 90er Jahre erschienen. Es ist ein spannender Krimi, der einen guten Einblick in die griechische Gesellschaft gibt und auch von einer etwas schrulligen Hauptfigur lebt. Ich freue mich schon auf die zahlreichen weiteren Krimis mit Kostas Charitos, die bereits erschienen sind.

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Hier geht es zu weiteren Informationen des Diogenes Verlags. 

Montag, 4. Juni 2018

Tracey Chevalier "Der Neue"


Es sind die 70er Jahre und Osei, genannt O, ist nicht nur der Neue auf dem Schulhof in Washington, er ist der einzige Schwarze in der gesamten Schule. Nicht nur die Mitschüler reagieren skeptisch, auch die Lehrer schwanken zwischen Toleranz und Vorurteilen. Nur das beliebteste Mädchen der Klasse, Dee, freundet sich sofort mit ihm an. Doch das sorgt in ihrem Umfeld für Misstrauen und Ränkespiele, von denen sie nichts ahnt und die von Intrigant Ian initiiert werden. Innerhalb kürzester Zeit wird die Rollenverteilung auf dem Schulhof auf den Kopf gestellt.
Tracey Chevalier hat Shakespeares „Othello“ für das Hogarth Shakespeare Projekt neu überarbeitet und mit „Der Neue“ einen unglaublich spannenden und atmosphärischen Roman über Amerika in den 70er Jahren geschrieben. Geschickt verdichtet sie die Handlung auf einen Schultag, an dem sich zwischen den Unterrichtsstunden das ganze Drama anbahnt, bis es unweigerlich in eine Katastrophe führt. Mit großer Spannung verfolgt man als Leser jede Entwicklung, betont wird dies noch durch Perspektivwechsel, die teilweise die gleichen Begebenheiten von unterschiedlichen Personen erzählen lassen und für den Leser so die gesamte Struktur ausgiebig entwickeln. Schon früh ahnt man, wohin alles führen wird und ist dennoch gefesselt und entsetzt zu gleich, während sich beim Lesen das Netz immer enger im Osei zuzieht und er sich am Ende genauso verhält, wie es alle erwartet haben – allerdings hervorgerufen durch den Druck von außen.
„Der Neue“ ist auch ohne Shakespeare-Bezug ein großartiger und psychologisch dichter Roman, der einen als Leser packt und aufzeigt, wie Gesellschaften Menschen in vorgefertigte Rollen pressen und sie manipulieren, bis sie eben diesem Rollenklischee entsprechen. Dies auf den kleinen Bezugsort eines Schulhofes zu reduzieren ist eine großartige Idee und bringt einem den Stoff so nah wie nur möglich. Ein wirklich herausragendes Buch, das perfekt aufzeigt, wie aktuell Shakespeares Stoffe noch immer sind.  

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Hier geht es zu weiteren Informationen und der Leseprobe des Knaus Verlags. Hier gibt es zudem weitere Informationen über das Hogarth Shakespeare Projekt. 

Annie Darling "Sommer in Bloomsbury"



Verity lebt über dem Buchladen, in dem sie arbeitet und der ihrer Freundin Posy gehört. Dort werden nur Liebesromane verkauft und Verity kann sich nichts Schöneres vorstellen, als in die Geschichten einzutauchen. Denn selbst lebt sie sehr zurückgezogen, sie ist introvertiert und kann nicht gut mit Menschen umgehen, daher will sie auch keine Beziehung und hat beschlossen, Single zu bleiben. Bis sie Jonny kennenlernt, der ihr ein unfassbares Angebot macht: Da beide immer wieder Verkupplungsversuchen von Freunden ausgeliefert sind, soll sie seine Schein-Freundin spielen. Beide hätten ihre Ruhe und bei Hochzeiten und Geburtstagen immer eine Begleitung. Das klingt zu gut um wahr zu sein und so treffen die beiden auf viele Verwicklungen und Hindernisse.  
Posy und Verity kennt der Leser schon aus Annie Darlings vorigen Roman „Der kleine Laden in Bloomsbury“, in dem Posys Kampf um die Buchhandlung ihrer Eltern im Mittelpunkt steht. Jetzt verschiebt die Autorin die Perspektive und in „Sommer in Bloomsbury“ lernen wir die menschenscheue Verity besser kennen, die mit zahlreichen Schwestern als Pfarrerstochter aufgewachsen ist, in einer liebenden aber auch lauten Familie. Das Konzept des „Wiederholungstäters“ geht in diesem Roman voll auf, man freut sich, alle Figuren wiederzutreffen, ohne dass es langweilig wird, da Posy jetzt nur eine Nebenrolle zukommt. Veritiy ist ein ganz anderer Charakter und das Verwirrspiel um ihren Schein-Freund äußerst unterhaltsam, auch wenn man von Anfang an ahnt, wo das alles hinführen wird. Doch das tut der kurzweiligen Lektüre keinen Abbruch. Die Figuren sind alle sehr unterschiedlich und man bekommt einen guten Einblick in ihr Leben und ihre Probleme, auch wenn Verity natürlich im Fokus steht.
„Sommer in Bloomsbury“ von Annie Darling ist ein leichter und unterhaltsamer Roman, perfekt für einen Strandtag oder einen Lesenachmittag auf dem Balkon, kurzweilig und mit sehr charmanten Figuren.

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Hier geht es zur Leseprobe und weiteren Informationen des Penguin Verlags. 

Wer auch Posy näher kennen lernen möchte, findet hier meine Rezension zu „Der kleine Laden in Bloomsbury“, damals noch unter dem schönen Titel „Der kleine Laden einsamen Herzen“.

Sonntag, 3. Juni 2018

Katherine Webb "Die Frauen am Fluss"


England 1922: Irene flieht nach einer gescheiterten Affäre aus London in die Ehe mit Alistair und in den kleinen Ort Slaughterford. Dort lebt sie sich nur schwer ein, doch als ihr Ehemann brutal ermordet wird, sieht sie sich gezwungen, sich mit dem Dörfchen auseinanderzusetzen. Gemeinsam mit dem Stallmädchen Pudding, deren Bruder des Mordes verdächtigt wird, macht sie sich auf die Suche nach dem wahren Täter – und wühlt so auch die Vergangenheit vieler Dorfbewohner auf.
„Die Frauen am Fluss“ ist der neueste Roman der Erfolgsautorin Katherine Webb und meiner Meinung nach leider einer der schwächeren. Zwar ist die Geschichte an sich spannend, die Figuren waren mir jedoch zu flach und einfach nicht gut genug beschrieben, um sich mit ihnen identifizieren zu können. So blieb das Gefühl, völlig in die Geschichte eintauchen zu können und mitgerissen zu werden, leider aus. Die Auflösung fand ich zwar sehr überraschend, aber auch schwierig, denn man muss am Ende vieles einfach hinnehmen, was nicht mehr logisch erscheint. Mir persönlich war die ganze Geschichte mit diesem Schluss zu künstlich und nicht glaubwürdig. Die Figur der Irene hätte wahrscheinlich viel zu berichten und ihre Auseinandersetzungen mit Alistairs Tante Nancy hätten viel Potential geboten, um die Charaktere ausführlich darzustellen, doch die Chance hat die Autorin leider nicht genutzt. Viel zu oft enden die Dispute damit, dass eine Person nach wenigen Worten den Raum verlässt, ohne dass viel deutlich geworden ist.
Katherine Webbs Roman „Die Frauen am Fluss“ hat mir von der Idee und der Handlung ganz gut gefallen, die Charakterisierungen des Figuren ist aber auf der Strecke geblieben, dadurch konnte der Roman mich nicht so mitreißen wie andere Romane der Autorin.

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Hier geht es zur Leseprobe und weiteren Informationen des Diana Verlags. 

Sehr empfehlen kann ich allen Lesern den Roman „DasVersprechen der Wüste“, ein großartiges Buch mit starken Frauenfiguren.