Dienstag, 19. Juni 2018

Anne Reinecke "Leinsee"


Carl hat ein schwieriges Verhältnis zu seinen Eltern. Die berühmten Künstler hatten selten Zeit für ihn, früh kam er auf ein Internat und hat sich später in der Kunstszene unter anderem Namen selbst durchgesetzt. Als seine Mutter erkrankt und sein Vater sich das Leben nimmt, kommt Carl zurück nach „Leinsee“ und beginnt, das Refugium seiner Eltern für sich zu entdecken. Dabei lernt er Tanja kennen, ein Mädchen aus der Nachbarschaft, die ihn mit ihrer besonderen Art fasziniert.
Anne Reineckes erster Roman „Leinsee“ setzt sich intensiv mit Carls Beziehung zu seinen Eltern und deren Aufarbeitung auseinander. Das idyllische Haus am Leinsee, in dem seine erfolgreichen Eltern lebten und arbeiteten, steht dabei fast sinnbildlich für eine Welt, aus der er als Sohn stets ausgeschlossen blieb. Der Kontakt war nur spärlich, die Eltern hatten einfach kein Interesse an dem Sohn, die Kunst war weit wichtiger und ihr Erfolg überragend. Das kritische Kinderauge analysierte schon damals mit bitterem Blick die Oberflächlichkeit, die sich hinter der Inszenierung der Eltern verbarg, doch als Erwachsener sieht sich Carl dennoch in der Pflicht und kann sich nicht von der kranken Mutter abwenden. Anne Reinecke beschreibt Carls Gedanken und Gefühle sehr intensiv und lässt einen als Leser ganz nah heran an die Figur und ihre Auseinandersetzungen. Dabei würde ich Carl keineswegs als uneingeschränkt sympathische Hauptfigur bezeichnen, er ist teilweise sehr egoistisch und verschroben und macht es seinem Umfeld sehr schwer, an ihn heranzukommen. Doch für den Leser ebnet Reinecke diesen Weg, der seiner Freundin Mara beispielsweise versperrt bleibt und so erfährt man mit Carl gemeinsam wie es für ihn ist, das neue Verhältnis zu seiner Mutter aufzubauen, das zunächst seltsam anmutet, dann aber wie eine zweite Chance für die beiden erscheint. Und auch mit Tanja gibt es neue Chancen, ihre faszinierende Beziehung erwachsen werden zu lassen. 
„Leinsee“ ist ein faszinierender Roman, auf den man sich von der ersten Seite an einlassen muss, um sich von Carl bewegen und mitziehen zu lassen in seine Welt am Leinsee, die so anders sein soll als die seiner Eltern. Ein tolles Buch und ein äußerst gelungenes Debüt.


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Hier geht es zur Leseprobe und weiteren Informationen des Diogenes Verlags. 

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